Emotionale Strapazen des Schlachterdaseins

Peter Hübner & Thomas Schalz von den „MgT“ im Interview

Unser Kampagnenleiter Peter Hübner und sein „MgT“-Kollege und Aktionsgruppenleiter ANIMALS UNITED Berlin Thomas Schalz, gewähren – als ehemalige Metzger – einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen der Schlachthofmauern und berichten von den emotionalen Belastungen und diversen kompensatorischen Strategien auf welche innerhalb dieses Berufsstandes regelmäßig zurück gegriffen wird, um den täglichen Wahnsinn ausblenden zu können, der keinerlei Empathie erlaubt.

„Das war eigentlich ziemlich abartig“, sagt Thomas Schalz heute über seine Arbeit in einem Schlachthof. 17 Jahre lang hat er dort gearbeitet. In allen Bereichen: Eintrieb, Betäubung, Tötung und Zerlegung der Tiere. Der Schlachthof, in dem er arbeitete, entwickelte sich über die Jahre zu einem Großschlachthof, spezialisiert auf Schweine. Bis zu 3.500 Schweine wurden pro Tag geschlachtet. Vor allem die Betäubung der Schweine mit CO2, die vor ihrer eigentlichen Tötung passiert, verfolgt Schalz in Gedanken bis heute. „Die Schweine fahren in einer Gondel in über neunzigprozentiges CO2-Gas nach unten. Bis die Tiere bewusstlos sind, vergehen im Normalfall 20 bis 30 Sekunden. Und ja, die kriegen einfach keine Luft mehr. Da ist kein Sauerstoff mehr, den sie einatmen können. Die stärksten Tiere versuchen über die anderen rüberzuklettern und ihren Rüssel aus dem Gitterkorb nach oben zu strecken, um Sauerstoff einzuatmen. Aber da ist kein Sauerstoff“, beschreibt Schalz das Betäubungsverfahren.“

„Auch Peter Hübner hat in einem Großschlachthof gearbeitet – im Rahmen seiner Ausbildung zum Fleischer. Wie Schalz ist auch er ein Aussteiger. Er erinnert sich: „Man hat diese Angst gesehen in den Augen, man hat diese Hilflosigkeit gesehen und man hat die Tiere ganz bewusst in den Tod getrieben.“ Im Rückblick sagt er: „Das war schon unwahrscheinlich schwer.“

„Wie hat es Hübner damals geschafft, so viele Tiere in ihren Tod zu treiben? Wie hat es Thomas Schalz geschafft, über Jahre hinweg Tausende Schweine per Knopfdruck in die CO2-Grube hinunter zu fahren, wohl wissend, was dort passiert? Wie gehen Schlachthofmitarbeiter*innen damit um, täglich Hunderte Tiere in Fließbandarbeit zu schlachten? Wie wird das Töten von Tieren zum business as usual?“

„Das ist eine Frage, die sich der Soziologe Marcel Sebastian stellt. Er hat vor Kurzem eine Doktorarbeit an der Universität Hamburg eingereicht. In ihr forscht er unter anderem zum Thema Mensch-Tier Beziehung in Schlachthöfen.“

„Hübner sagt: „Mir war klar: Jedes Tier, das kommt, muss getötet werden. Ich wusste ganz genau: Das Tier hat keine Chance. Es wird getötet. So oder so. Und wenn es nicht hier getötet wird, muss es wieder auf den Transporter und wird woanders getötet.“ Auch Thomas Schalz sagt: „ Die Tiere, die im Schlachthof landen, für die gibt es kein Entrinnen mehr, die kommen nur noch als Teilstück aus dem Betrieb raus.“

„Thomas Schalz und Peter Hübner haben nie verdrängt, dass es bei ihrer Arbeit um das Töten unzähliger Tiere geht. Sie haben bewusst mit dem Tod der Tiere operiert, ihn eingeleitet. Wie geht das? Wie verpackt man das emotional? Der Schlachthof fordere von den Arbeiter*innen etwas ein, das Marcel Sebastian als emotionale Neutralität bezeichnet. Im Schlachthof gelte: „Man baut keine individuellen Beziehungen zu einzelnen Tieren auf.“

„Thomas Schalz beschreibt, wie viel emotionaler Kontrolle das manchmal bedürfe. „So ein Schwein kann einen ja auch ganz toll anschauen“, sagt er. „Aber man versucht das natürlich sofort wieder auszublenden“, fügt er hinzu. „Im Schlachthof kannst du zu den Schweinen keine emotionale Bindung mehr aufbauen. Du darfst das Schwein nicht als süß und toll anschauen,“ sagt er. Ein Selbstschutzmechanismus, wie Schalz meint. Man müsse versuchen, den Schalter im Kopf umzulegen, so beschreibt es Thomas Schalz.“

„Die Schlachthofmitarbeiter*innen würden Techniken anwenden, um unberührt zu bleiben, so der Soziologe. Was sind das für Techniken? Eine solche Technik, um unberührt zu bleiben, sei ein hoher Alkoholkonsum, berichtet Thomas Schalz. „Unter meinen Kollegen waren viele, die ein Alkoholproblem hatten. Die haben versucht, das ganze Elend mit Alkohol zu betäuben“, erzählt er. Eine Erfahrung, die auch Peter Hübner gemacht hat. Er berichtet.“ In meiner Kolonne stand schon gleich zum Frühstück ein Bier auf dem Tisch, weil es eigentlich gar nicht ohne ging.“ Auch er selbst fing an zu trinken, um die Arbeit im Schlachthof auszuhalten: „Man betäubt diese Grausamkeiten, die man ja selbst praktiziert. Man versucht, es sich schöner beziehungsweise angenehmer zu trinken.“

„Eine anderer Strategie, die im Schlachthof erforderliche emotionale Neutralität zu erlangen, sei die Objektifizierung der Tiere, führt der Soziologe Marcel Sebastian aus. „Im Schlachthof werden die Tiere nicht mehr als leidensfähige Individuen angesehen, sondern als ein Werkstoff, mit dem man arbeitet“, so Sebastian. Thomas Schalz formuliert es so: „Du musst das das lebende Tier schon als Schnitzel betrachten, das dann irgendwann nach der Zerlegung hinten raus geht.”

„Ohne diese Objektifizierung der Tiere sei die Arbeit im Schlachthof praktisch unmöglich, erklärt Peter Hübner. „Die Menschen, die länger im Schlachthof arbeiten, sehen das Tier nicht mehr als Lebewesen an- sonst können sie den Beruf gar nicht ausüben.“

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