Systeminduzierte Tierqual & die Opferrolle der Bauernschaft

„Wie kommt es zu Tierquälerei?“ Diese Frage stellte sich jüngst die „agrarheute“ und versuchte sich an einigen fragwürdigen Legitimationsansätzen bezüglich der nahezu allgegenwärtig defizitären Tierhaltung innerhalb landwirtschaftlicher Produktionsstätten.

„agrarheute“:
„Medienwirksam prangert das Deutsche Tierschutzbüro einen Schweinemastbetrieb aus Rheda-Wiedenbrück an. Wie praktisch, dass er an das Schlachtunternehmen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück liefert. Aufmerksamkeit – und Spenden – sind den Tierrechtlern somit gewiss.“, so moniert die „agrarheute“ die Publikationen von Videomaterial, welches die unhaltbaren tierquälerischen Zustände eines Tönnies-Zulieferers dokumentiert.

„agrarheute“:
„Bitte, liebe Tierschützer, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß nicht, wie stark ich betonen soll: Wenn der Mäster tatsächlich gegen das Tierschutzgesetz verstoßen hat, dann gehört das angezeigt und sofort beendet. Und bitte, liebe Landwirte, verstehen auch Sie mich nicht falsch: Die Art und Weise, wie Sie derzeit von sogenannten Tierschützern angegangen werden, ist nicht korrekt. Zu behaupten, dass zum Beispiel das „System“ der Nutztierhaltung hier in Deutschland (mit) für die Corona-Pandemie verantwortlich sei, ist fachlich falsch!“

Dass eine Anzeige, ohne die Vorlage aussagekräftigen Beweismaterials, als haltlose Denunzierung abgetan werden kann und in den seltensten Fällen konsequente Ermittlungen erwirkt, scheint die „agrarheute“ völlig außer Acht zu lassen. Der Fall Tönnies hat schmerzlich bewiesen, dass die großangelegte Fleisch- und Schlachtmaschinerie durchaus zu einer Intensivierung und Verlängerung pandemischen Geschehens beitragen kann.

Des Weiteren kritisiert die „agrarheute“, den „Einbruch durch Tierrechtler in Stallungen zur Beweismaterial-Gewinnung. Dies „ist und bleibt Hausfriedensbruch“, so das Agrar-Blatt. Dass man nur auf diesem Wege Missstände aufdecken könne, sei lediglich ein vorgeschobenes Argument. „Warum müssen die Aufnahmen denn möglichst medienwirksam vermarktet werden? Warum nicht damit zum Landwirt und zu den zuständigen Behörden gehen und es direkt klären? Das wäre verantwortungsvolles und mitfühlendes Verhalten! Dem Landwirt und dem Tier gegenüber!“

Erfahrungsgemäß begegnen Landwirte offenen Dialogversuchen und Direktkonfrontationen leider meist mit Renitenz und Leugnung der vorhandenen Missstände innerhalb ihres Betriebes, sodass eine persönliche Klärung vor Ort in der Regel nicht den gewünschten Effekt erzielen kann und der behördliche Weg, unter Vorlage von Beweis-Materialien, daher vorzuziehen ist.

Schon von Gesetztes wegen wiegt ein tierschutzrelevanter Notstand, der das Sichern von Beweismaterial legitimiert, schwerer als der Tatbestand des Hausfriedensbruchs. So hat das OLG Naumburg 2018 den Freispruch von Tierschützern bestätigt, nachdem diese sich Zugang zu einer Stallung verschafft hatten, um schwerwiegende Verstöße gegen geltendes Tierschutzgesetz zu dokumentieren.

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https://rsw.beck.de/…/olg-naumburg-bestaetigt-freisprueche-…

Bei der eindringlichen Publikation von dokumentierendem Bild- und Video Material liegt die Grundintention keinesfalls in einer gewinnorientierten „Vermarktung“ selbiger, sondern vielmehr in einer großflächigen nachdrücklichen Sensibilisierung für ein ausbeuterisches System, welches primär von der kollektiven Ausblendung der blutigen Realität lebt. Solange sich die Öffentlichkeit dieser skandalösen Machenschaften nicht bewusst ist und ihren Unmut nicht bekundet, ist auch mit einem konsequenten behördlichen Eingreifen nicht zu rechnen. Verantwortung impliziert auch die Gewinnung von Material, welches als Beweismittel unabdingbar ist, um ein behördliches Vorgehen gegen Tierquälerei zu erwirken. Wenn der produzierende Landwirt seiner verantwortungsvollen Aufgabe als Tierhalter nicht gerecht wird, ist es an uns, für diese leidensfähigen Geschöpfe schadensbegrenzend und lebensrettend tätig zu werden!

„agrarheute“:
„Natürlich darf kein Tier leiden. Aber von empathischen Menschen erwarte ich, dass sie nicht nur mit dem Finger zeigen, sondern hinterfragen, was Ursachen sind. Was ist auf dem Betrieb los? Ist es wirklich der geldgierige ausbeuterische Landwirt? Den mag es geben.“

Wenn Lebewesen leiden, sollte dies in erster Instanz von Relevanz sein! Dieses Leid zeitnah zu dokumentieren, um es beenden zu können, zeugt von Empathie. Ungeachtet dessen, was auf einem solchen Betrieb los sein mag, sind Missstände, die mit offensichtlicher Tierqual einhergehen, umweglos zu unterbinden! Die Ansinnen des Landwirtes, spielen hier – aus Sicht des agierenden Tierrechtlers – erst einmal eine untergeordnete Rolle.

Mögliche Nachlässigkeiten seitens der Bauernschaft versucht man durch den Einfluss systemimmanenter emotionaler Stressoren zu legitimieren.

„agrarheute“:
„Leider steckt hinter tierschutzrelevanten Verstößen oft die Überforderung des Betreuers, des Menschen, der für die Tiere verantwortlich ist. Immer wieder hört man in dieser Corona-Pandemie von Landwirten, die keinen Ausweg mehr wissen. Bauern, die finanziell so unter Druck stehen, dass sie Selbstmord begehen. Nicht nur in den USA. Die kürzlich gefallene Entscheidung zum Aus des Kastenstands im Deckzentrum hat die Lage der Sauenhalter hier in Deutschland nicht verbessert.“

⬇️Zum ganzen Artikel⬇️
https://www.agrarheute.com/tier/kommt-tierquaelerei-571154

Da tierquälerische Missstände in landwirtschaftlichen Betrieben seit Anbeginn zu beobachten sind und diese sich keinesfalls auf die aktuelle Pandemie-Zeit beschränken, ist das Corona-Argument per se haltlos. Für die zwingend notwendigen Restriktionen bzgl. der Kastenstandhaltung wurde betroffenen Landwirten eine Übergangszeit von bis zu 15 Jahren eingeräumt! Dass es unter den Landwirten offensichtlich solche gibt, die in ihrer Verzweiflung suizidieren, ist höchst dramatisch. Als ursächlichen Faktor jedoch tierschutzrelevante Optimierungen anzubringen oder gar Tierrechtsverfechter als Wurzel allen Übels zu diskreditieren, zeugt von Ignoranz gegenüber der Perfidie des Fleisch-Systems, welches nicht nur den Wert des Tier-Lebens verkennt, sondern unweigerlich auch jene Menschen ereilt, die diesem beiwohnen.

Die eindimensionale argumentative Haltung der „agrarheute“ erweckt unweigerlich den Eindruck, dass die Bauernlobby, für welche hier Partei ergriffen wird, einer Etablierung von Tierwohl- fördernden Maßnahmen mit Widerwillen und Renitenz begegnet.

„Wie kommt es zu Tierquälerei?“ – Zu Tierquälerei, liebe „agrarheute“, kommt es, wenn die Würde dem Kapitalismus unterliegt!



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