Aus den Augen, aus dem Sinn – Von der Kunst des Verdrängens

Immer wieder passiert es mir, dass Menschen am Infostand, bei Aktionen oder auch beim gemütlichen Zusammensitzen zu mir sagen, dass sie sich mit all den schlimmen Bildern von Tieren in Mastanlagen und Schlachthöfen nicht befassen können/wollen: „Ich weiß das alles, aber ich kann mir das nicht anschauen.“ Ich bin dann meist sprachlos, weil ich genau weiß, was sie meinen, aber mir innerlich eine Frage stelle, die es schwer ist, laut zu stellen. Die Frage, die mir im Kopf herumspukt ist: „Meinst du deine Ignoranz und Feigheit hilft den Tieren?“ Und oft schleicht sich ein „Du bist unmöglich“ hinterher. Ich möchte diese Frage eigentlich gar nicht stellen und der Gedanke ist mir peinlich, weil ich weiß, dass es menschlich ist, unangenehme Dinge zu verdrängen. Ich weiß, dass es wichtig ist, Grausames auszublenden, um überleben zu können und nicht permanent gestresst und deprimiert zu sein. Aber es gibt da noch die andere Seite: Nichts auf der Welt hätte sich je zum Besseren verändert, wenn alle immer nur weggeschaut und ignoriert hätten.

Verdrängung als ständige Konstante

Die Themen Wegschauen und Ausblenden begleiten uns im Tierrecht ständig. Wir rühren an Themen, die den meisten Menschen unangenehm sind, weil sie ihr tägliches Leben betreffen. Dinge, die mensch von den Eltern und Großeltern mitbekommen hat, werden in Frage gestellt und oftmals auch als moralisch und ethisch falsch entlarvt. Ich möchte behaupten, dass ein Großteil von uns in Familien aufgewachsen ist, für die es absolut normal ist und war, dass es morgens ein Salamibrot, mittags einen Salat mit Putenstreifen und abends ein Steak auf dem Tisch gibt. Aber wo das ganze Fleisch herkommt, wird eigentlich nie thematisiert. Das Gleiche gilt für das obligatorische Glas Milch, das viele Kinder morgens auf dem Tisch finden – es gehört dazu und wird nicht auf Sinnhaftigkeit, Ethik und Moral hinterfragt.

Wenn nun wir als Tierrechtler_innen anfangen, diese so „normalen“ und altbekannten Dinge in Frage zu stellen und auch darauf hinweisen, dass es (für nichtmenschliche wie menschliche Tiere) besser wäre, auf pflanzliche Alternativen auszuweichen, dann fühlen sich viele Menschen persönlich angegriffen. Ihr Lebensstil und ihre Auffassungen werden in Frage gestellt und das führt oftmals zu unerwarteten Reaktionen. Hinschauen und Zuhören bedeutet in diesem Fall, dass alles, was mensch kennt und uns über Jahrzehnte beigebracht wurde, ins Wanken gerät. Das verunsichert und mensch möchte am liebsten die Augen zumachen und die Ohren auf Durchzug stellen.

Aber nicht nur bei der Ernährung sind Ignorieren und Ausblenden beliebte Techniken zur Verdrängung der Realität. Auch wenn es um Unterhaltung und Bekleidung geht, hört mensch viele Dinge nicht gerne. Wir alle haben oder hatten Lederschuhe zuhause und sind als Kind mit unseren Eltern in den Zirkus oder den Zoo gegangen. „Den Tieren dort geht es gut. Die Dressur macht ihnen Spaß, da haben sie Beschäftigung“ – kommen euch diese Sätze bekannt vor? Ich habe diese Sätze als Kind oft gehört, auf Klassenausflügen oder von meinen Großeltern. Sie haben es selbst geglaubt, es wurde ihnen ja auch so vermittelt. Irgendwann habe ich dann selbst gedacht, dass es stimmt.

Verdrängung wirkt nicht gegen die Konsequenzen

Aber wo führt es hin, wenn wir nicht anfangen, hinzuschauen? Was sind die Konsequenzen? Dass unsere Ressourcen bald erschöpft sind, darin dürfte Einigkeit herrschen. Die Welt kann nicht unbegrenzt ausgebeutet und geschunden werden. Irgendwann – und dieser Zeitpunkt rückt immer näher – werden wir dafür die Rechnung bekommen. Massentierhaltung, die Abholzung der Regenwälder zum Anbau von Futterflächen für die sogenannten „Nutztiere“ und die Überfischung der Meere sind nur einige Punkte auf einer langen Liste des Raubbaus, den wir Menschen begehen.

Wir müssen uns ändern. Wir dürfen es nicht länger zulassen, dass Tiere kein Tageslicht zu sehen bekommen, eingepfercht in Mastanlagen ein unwürdiges, schmerzvolles Dasein erleiden, nur damit wir ihr Fleisch essen können. Die Gülle, die in solchen Anlagen entsteht, verunreinigt unser Wasser und wird uns über kurz oder lang krank machen. Und selbt wenn es unsere Existenz nicht bedroht, müssen wir anfangen, uns zu fragen, warum es uns soviel Freude macht, eingesperrte Tiere zu beobachten? Warum wir mehr Geld darin investieren, Löwen, Tiger und Elefanten in Zoos zu züchten, anstatt ihnen ihren natürlichen Lebensraum zu erhalten.

Veränderung statt Verdrängung!

Nun wird es viele geben, die beim Lesen dieses Textes sagen: „Ach, die militante Tierrechtlerin übertreibt! So schlimm ist es nicht und mein Fleisch lasse ich mir nicht verbieten. Es ist meine persönliche Entscheidung, was ich esse“. Nun, so einfach ist es leider nicht. Und wer ehrlich ist und sich traut, die Scheuklappen nur für einen kurzen Moment herunterzunehmen, muss zugeben, dass bei aller Übertreibung, die mensch aus meinen Zeilen herauszulesen vermeint, doch ein Fünkchen Wahrheit dahintersteckt. Viele Entscheidungen, die wir für persönlich halten, sind es leider nicht. Sie haben Auswirkungen auf andere. Mein Griff zum Fleisch im Supermarkt führt dazu, dass ein unschuldiges Tier geschlachtet werden muss. Mein Kauf einer Karte für den Zirkus bedeutet, dass ein Tier, dass eigentlich in der freien Wildbahn gerne seines Weges gehen würde, eine Dressur, die oft mit Zwang einhergeht, erdulden muss. Meine schicke neue Lederjacke bedeutet, dass einem Tier die Haut abgezogen wurde. Und und und. So ist es mit vielen Entscheidungen, die wir täglich treffen, ohne großartig darüber nachzudenken.

Wir alle können dazu beitragen, dass sich Dinge zum Positiven verändern. Nur ab und zu mal hinschauen, nachdenken und die persönliche Komfortzone verlassen und es wird sich etwas bewegen. Nur wer sich bewegt, kann etwas bewegen – physisch wie psychisch. Traut euch!



Michaela

Michaela

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt! (Mahatma Gandhi)
Michaela

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