Crashkurs Tierethik: Tom Regan & Peter Singer

Egal, ob Infostand, Familientreffen oder gemütliches Beisammensein mit Freund_innen – Tierrechte begleiten euch von Tag zu Tag und selbst wenn euer Bekanntenkreis überzeugt von der omnivoren Lebensweise ist, so besteht dennoch meist reges Interesse daran, wieso ihr euch nur von Pflanzen ernährt. Fleisch, Milch & Co. gehören dennoch auf den Teller. Hauptsache das Tier wurde gut gehalten und “human” geschlachtet. Deshalb ist es argumentativ sinnvoll, das Thema an der Wurzel zu packen: Die Intensivtierhaltung ist lediglich die drastische Zuspitzung des Problems, Kern ist die Degradierung von Tieren als Nahrungsmittel an sich. Wie könnt ihr diese “radikale” Position diplomatisch und überzeugend vermitteln? Dazu ist es hilfreich sich die Grundgedanken von Philosoph_innen zu Gemüte zu führen, die sich mit Tierethik befassen. Zwei wichtige Wegbereiter für die Tierrechtsposition sind Peter Singer und Tom Regan – wie begründen sie Tierrechte? Was ist der Unterschied zwischen teleologischer und deontologischer Ethik?  In welchen Aspekten unterscheiden sich die beiden Theoretiker?

Teleologische vs. deontologische Ethik

Die teleologische Ethik (gr. télos „Ziel“) basiert auf der Annahme, dass die ethische Beurteilung einer Situation primär davon abhängig ist, welcher Zweck verfolgt wird bzw. welches Ziel letztendlich erreicht wird. Die wohl bekannteste Strömung der teleologischen Ethik ist der Utilitarismus (lat. utilitas “Nutzen”), in welchem vorrangig das Streben nach Glück ausschlaggebend ist. Die ethisch gebotene Haltung ist das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu erreichen. Für die ethische Beurteilung einer Situation ist also eine Kosten-Nutzen-Kalkulation vonnöten. Zu den Pionier_innen des Utilitarismus gehört Jeremy Bentham (welcher auch Tiere in den Rahmen ethischer Beurteilung einschloss). Hier rücken innere Beweggründe, die Intentionen und Pflichten weit in den Hintergrund. Die deontologische Ethik (gr. deon “das Gesollte”) hingegen greift genau diese Aspekte auf und erklärt sie zu den ausschlaggebendsten Punkten. Weniger relevant sind hierbei die Konsequenzen bzw. das Ziel einer Handlung. Entscheidend ist, ob ethische Grundprinzipien befolgt wurden oder nicht und welcher innere Beweggrund ausschlaggebend war. Der wohl bekannteste Wegbereiter der sogenannten Pflichtethik ist Immanuel Kant. Im Rahmen der Tierethik ist Tom Regan der deontologischen Ethik zuzuordnen, Peter Singer hingegen der teleologischen.

Der Präferenzutilitarismus und Peter Singer

Peter Singer begründete den Präferenzutilitarismus, der nicht im klassischen Sinne die Leidensfähigkeit oder das Glück in den Vordergrund rückt, sondern die Interessensbefriedigung eines Lebewesens. Fundament ethischer Beurteilung ist folglich ein Kosten-Nutzen-Kalkül, welches die meisten Interessen befriedigt. Von Belang sind hier alle empfindungsfähigen Lebewesen. Präferenzen besitzen also nicht nur menschliche, sondern auch nichtmenschliche Tiere. Schließt mensch Tiere aus, die einer anderen Spezies angehören, so wird eine unbegründete Diskriminierung, der Speziesmus, ausgeübt. Das sogenannte “Gleichheitsprinzip” ist in Singers Ethik omnipräsent:

Die Tatsache, dass manche Menschen nicht unserer Rasse angehören, berechtigt uns nicht dazu, sie auszubeuten, und ebenso bedeutet die Tatsache, dass manche Menschen weniger intelligent sind als andere, nicht, dass ihre Interessen missachtet werden dürfen. Aber das Prinzip impliziert auch folgendes: Die Tatsache, dass bestimmte Wesen nicht zu unserer Gattung gehören, berechtigt uns nicht, sie auszubeuten, und ebenso bedeutet die Tatsache, dass andere Lebewesen weniger intelligent sind als wir, nicht, dass ihre Interessen missachtet werden dürfen. [1]

Theorie der Tierrechte von Tom Regan

Die Ideen Kants weiterdenkend, lehnt Regan die Kosten-Nutzen-Kalkulationen des Utilitarismus strikt ab, denn “der gute Zweck heiligt nicht das schlechte Mittel”. Die von ihm entwickelte Präferenzautonomie erklärt, dass alle Wesen, die Präferenzen oder Wünsche haben und ihr Handeln auf das Erfüllen dieser Wünsche auslegen, einen “inhärenten Wert” besitzen. Er spricht folglich sowohl nichtmenschlichen Tieren als auch menschlichen unveräußerliche Rechte zu, welche nicht zugunsten eines Zweckes missachtet werden dürfen;

Jeder von uns ist das empfindende Subjekt eines Lebens, eine bewusste Kreatur mit einem individuellen Wohl, das für uns von Bedeutung ist, unabhängig davon, wie nützlich wir für andere sein mögen. [2]

Wie das Erlernte anwenden?

Neben Theorien moralischer Rechte von Tieren und dem Utilitarismus gibt es noch zahlreiche weitere ethische Strömungen, die sich mit dem moralischen Status von nichtmenschlichen Tieren beschäftigen: Kontraktualismus, Mitleidsethik und Tugendethik, um nur einige zu nennen. Um euren Freund_innen und Familienmitgliedern eure tierethische Position näher zu bringen, sollten die zentralen Ideen Singers und Regans jedoch genügen und Argumente wie “Es schmeckt aber!” zunichte machen.

Entweder ihr argumentiert basierend auf der Leidensfähigkeit (Utilitarismus): Tiere haben die Fähigkeit zu leiden und Schmerzen zu empfinden. Ziel einer jeden Person sollte sein, die gesamte “Menge” des Leides zu reduzieren, bzw. der Freude zu maximieren. Da tierische Produkte nicht für unsere gesunde Ernährung notwendig sind, ist die Bilanz klar. Wir können mit einfachen Mitteln Leid reduzieren und diese Tat ist daher auch ethisch geboten. Argumentieren wir deontologisch, kann das “Subjekt eines Lebens” herangeführt werden, oder einfacher gesagt: Wir alle, sowohl menschliche als auch nichtmenschliche Tiere haben Interessen (Erfüllung der Grundbedürfnisse, Freude, Vermeidung von Leid, Weiterleben), welche es Wert sind berücksichtigt zu werden, ganz egal welcher Spezies ein Tier angehört. Interessen eines Menschen wiegen nicht schwerer als die eines anderen Tieres, daher gilt es, alle zu berücksichtigen.

 

 

[1] Texte zur Tierethik, Hrsg. Ursula Wolf, Reclam, 2008, “Rassismus und Speziesismus”
[2] Texte zur Tierethik, Hrsg. Ursula Wolf, Reclam, 2008, “Wie man Rechte für Tiere begründet”



Laura

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"Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?" (George Bernard Shaw)
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