Meinen Funken Hoffnung setze ich in Sie!

Hallo, mein Name ist Viktor und ich muss Sie enttäuschen: Sie haben keinen Kühlschrank gewonnen. Und mein Onkel aus Uganda möchte Ihnen auch nicht sein ganzes Vermögen schenken, weil er nicht weiß, wohin damit und daher dringend Ihre Bankdaten braucht. Ich habe keinen Onkel in Uganda. Ich bin kein Verkäufer, der Ihnen ein neues Auto andrehen will, kein Versicherungsfuzzi, der Ihnen einen Vertrag aufhalsen möchte und kein Sektenprediger, der ihnen von der „Gottmutter“ persönlich berichten will. Ich bin ihr Nachbar. Ich weiß nicht wievielten Grades, aber irgendwo sind wir ja alle Nachbarinnen und Nachbarn. Das wirft natürlich bei Ihnen jetzt die Frage auf: Was will der Kerl? Ist das nicht verwunderlich? Man bekommt einen netten Brief und fragt sich sofort, ob der Verfasser ein perverser Stalker, ein Werbeheini oder einfach nur ein Spinner ist, der einem seine komische Geschichte erzählen will. Ich bin keins von alle dem, eine Geschichte habe ich dennoch.

Sie fängt vor etwa 29 Jahren an. Im Bauch meiner damals hochschwangeren Mutter, die sich gemeinsam mit meinem Vater zunehmend Gedanken zum Thema Ernährung macht. Ein Baby kommt. Ich. Da fangen Eltern schon mal an, über Nährstoffe, gesundes Essen und Schadstoffe nachzudenken. Nichts besonderes also. Fast. Denn: Tschernobyl steht vor der Tür. Die Ukraine macht (wie heute) Schlagzeilen. Ich bin fast ein Jahr alt, das Laufen klappt noch nicht so wirklich, die ersten Zähne jucken höllisch. Die Nuklearkatastrophe verändert die Welt von einem Tag auf den anderen. Meine Eltern sind in Panik, ich in mein Stoffkaninchen vernarrt. Tiere sind toll, das weiß jedes Kind. Meine Eltern horten Milchpulver, denn frische Milch soll man nicht mehr kaufen. Mir egal, Mamas Milch schmeckt eh viel besser. Sie und Papa versuchen sich als Vegetarier, Öko sein liegt im Trend. Die Jahre vergehen, meine Eltern legen ihre Hippie-Attitüde ab, Konsum ist in. Und sowieso: Man wird reifer und gemäßigter (um nicht „spießig“ zu sagen), „das passiert bei den meisten“, sagen sie. Tschernobyl ist vergessen. Muttermilch wird durch H-Milch, diese durch Schokomilch ersetzt. Meine Tierliebe bleibt, ich mag die lustigen Schnauzen von Kühen und das ulkige Quaken von Enten. Ich bin jetzt Teenager und das Partyleben begrüßt mich. Nach der Disko geht’s zur nächsten Fast Food Kette, der saftige Burger wartet. Ab und an mit Freunden zum asiatischen Restaurant um die Ecke, wo man sich eine knusprige Ente leistet. Ich mag Tiere. Nicht nur vom Geschmack her.

Ich bin kein Teenager mehr, ich habe zu viel gesehen. Zu viel gelesen. Zu viel gehört. Ich liebe Tiere plötzlich nicht mehr nur. Ich respektiere sie. Ich kann sie nicht mehr essen. Das wäre paradox. Alles hat sich verändert. Und doch bin ich endlich ich, passen meine Tierliebe und mein Konsumverhalten erstmals zueinander, ergibt alles einen Sinn. Ich weiß jetzt, dass es kein Fleisch von glücklichen Tieren gibt. Sondern nur von toten. Ich weiß, dass Kalbfleisch eigentlich „Baby-Kuh-Fleisch“ heißen müsste und die Milchkühe nach etwa fünf Jahren Zwangsschwängerung und Trennungsschmerz ihren Kindern auf unsere Teller folgen. Ich weiß, dass 50% der Küken von Legehennen männlich und somit für die Eierproduktion nutzlos sind und daher umgehend lebend geschreddert, vergast oder auf den Müll geworfen werden. Flauschige gelbe Küken. Ich weiß, dass die meisten Zivilisationskrankheiten unser heutigen Zeit mit unserem hohen Konsum tierischer Proteine in Verbindung stehen. Mein Opa starb an einem Herzleiden, mein Vater und meine Mutter nehmen Herzmedikamente. Ich weiß es. Ihr täglicher Einkaufszettel: Fleisch, Milch, Eier und Butter. Es heißt mensch lernt nie aus und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich weiß, dass viele Menschen zuletzt an Hunger sterben, weil andere nicht dazulernen wollen. Ich weiß, dass rund die Hälfte der weltweiten Weizen- und etwa 90% der weltweiten Sojaernte in die Tröge der Massentierhaltung statt in die Bäuche der Ärmsten fließen. Ich weiß, dass unser Fleischkonsum mehr zur globalen Erwärmung beiträgt als alle Verkehrsmittel zusammen. Ich weiß, dass etwa 15.000 Liter Wasser für die Produktion eines Kilos Rindfleisch anfallen und dass man damit ein Jahr duschen könnte. Nur ein Kilo. Pervers, ich weiß.

Tschernobyl ist längst durch Fukushima ersetzt. Beide zusammen sind „peanuts“ im Vergleich zum Schaden, den wir Menschen durch unsere Ernährung verursachen. Ich weiß, dass auch bei „artgerechter“ und „ökologischer“ Tier”haltung” die Tiere nicht in den Tod gesungen und gestreichelt werden und nicht alles „grün“ ist, was grün angestrichen wird. Ich versuche, nie auszulernen. Meine Hoffnung stirbt nicht. Ich halte sie am Leben, jeden Tag aufs Neue. Und ich versuche sie weiterzugeben. Damit aus dem kleinen Funken ein Feuer wird. Ein Feuer, das alle erfasst. Sie mit dem Mut entzündet, ihr Wissen in Handeln umzusetzen. Sich zu ändern. Für sich, andere Menschen, die Natur, die Tiere. Ich habe es auch geschafft und nie bereut. Ich bin Viktor, Ihr veganer Nachbar.

Sie haben keinen Kühlschrank gewonnen, aber vielleicht etwas Verständnis dafür, warum ich Ihnen schreiben musste, warum der Inhalt Ihres jetzigen Kühlschranks so wichtig ist. Demokratie schreien die Leute. Und übersehen, dass nichts direkt demokratischer ist als die tägliche Wahl am Supermarktregal. Hier ist er. Nehmen Sie ihn. Ich schenke ihn ihnen: Meinen Funken Hoffnung. Ich setze ihn in Sie.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr veganer Nachbar Viktor

Diesen Brief habe ich vor zwei Jahren im Namen von ANIMALS UNITED für eine Aktion Namens “Aktion Brieftaube” verfasst und als Vorlage zur Verfügung gestellt, bei welcher Menschen deutschlandweit 10.000 Briefe in Briefkästen schmeißen sollten, um die Empfänger_innen durch persönliche Geschichten auf Tierrechte und die vegane Lebensweise aufmerksam zu machen. Ihr dürft ihn gerne als Vorlage verwenden und abändern.



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