EnzyklopäTIER: Großer, böser Wolf?

Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom großen, bösen Wolf, der arme Großmütter und kleine Geißlein frisst? Um die Menschen zu schützen, geht der Jäger um und schießt auf alle Wölfe, die sich zu nah heranwagen. So hat er es auch geschafft, dass Wölfe lange Zeit in Deutschland ausgestorben waren. Aber was ist dran, an den Märchen des gefräßigen Raubtieres? Müssen wir Menschen wirklich Angst  vor ihnen haben?

Überall Zuhause

Lange Zeit war der Wolf das am weitesten verbreitete Raubtier der Erde. Er fühlte sich in den Tundren, den weiten Wüsten, im Gras- und Buschland, in Wäldern und im Gebirge auf der Nordhalbkugel heimisch. In zusammenhängenden Gebieten wachten die Wölfe über ihr Habitat. Heute ist die Population stark geschrumpft. Es gibt sie noch in Nordamerika, Asien und Europa – in vielen Teilen der Kontinente hat der Mensch sie jedoch bereits ausgerottet. Je nachdem, wo die Wölfe aufwachsen, unterscheidet sich ihr Aussehen und ihre Art. Wölfe erreichen durchschnittlich eine Schulterhöhe von 60 – 90 cm. Sie können 20 – 55 kg schwer werden. Ihr Fell kann grau, weiß, rötlich, braun, gelblich und schwarz sein. In Europa ist der Eurasischer Grauwolf heimisch, es gibt aber auch den Mackenzie-Wolf (Nordamerika), den Polarwolf (Arktis), Buffalo Wolf (Nordamerika), Russische Wolf und der Tundra Wolf. All diese Arten werden als „nicht gefährdet“ eingestuft. Als gefährdet oder stark gefährdet gelten Kaspischen Wölfe (Schwarzes und Kaspisches Meer), Indische Wölfe (Indien, Iran Pakistan, Afghanistan), Mexikanische Wölfe und die Timber Wölfe (Nordamerika). Aus vielen der Arten erschließen sich weitere Unterarten.

Der Hokkaido-Wolf und der Honshū-Wolf sind schon ausgestorben. Beide Arten waren in Japan heimisch. Sie sind beide um 1900 durch menschlichen Einfluss (Gift und Bejagung) und eine Tollwutepidemie seltener geworden und schließlich ganz ausgestorben.

Alpha-Tier?

Wölfe leben in Rudeln von 2-36 Tieren zusammen. Lange Zeit wurde geglaubt, dass es ein Alpha-Paar gibt, welches sich vermehren darf und den Ton angibt. Diese Wölfe wurden als die aggressivsten und stärksten angesehen. Erneute Untersuchungen ergaben, dass Rudel aus einem Elternpaar und ihrem Nachwuchs entstehen. Meist leben zwei bis drei Generationen zusammen. Sobald die Jungtiere alt genug sind, verlassen die Jungrüden und Jungfähen die Eltern und wandern umher, bis sie mit einem anderen Wolf ein eigenes Rudel gründen. Ein Familienverbund erschließt ein Territorium. Dieses kann 75 – 2500 Quadratkilometer groß sein. In ihren Gebieten gehen sie gemeinsam auf Jagd. Dabei sind Wölfe nicht wählerisch, sie fressen Kleintiere wie Mäuse, Kaninchen und Hasen, aber auch große Säugetiere, wie Hirsche, Elche und sogar Bisons. Auch Aas oder Früchte werden nicht verschmäht, obwohl der Wolf ein Carnivor (Fleischfresser) ist. In Gebieten mit Menschen fressen Wölfe auch Abfallreste oder reißen sich vermeintliche „Nutztiere“, wie Schafe oder Rinder.

Die Tiere zeigen ein hohes Sozialverhalten im Rudel. Die Jungtiere lernen und übernehmen ihr Verhalten von den erfahrenen Rudelmitgliedern. Die Tiere kommunizieren mithilfe von Körperhaltung, Lauten, Gerüchen und Mimik miteinander. Rangniedrigere Tiere legen Konflikte mithilfe von Beschwichtigungsversuchen und aktive Unterwerfung bei. Diese sind aber nur im eigenen Rudel wirksam und verhindern oft rudelinterne Kämpfe, für Konflikte verschiedener Rudel sind sie nicht bedeutend.

Das bekannteste Kommunikationsmittel zwischen Wölfen ist wohl das Heulen. Dabei heulen sie keinesfalls nachts den Mond an. Das gemeinsame Heulen signalisiert Zusammenhalt und markiert das Revier gegenüber anderen Wolfsrudeln. Jeder Wolf hat ein individuelles Heulen und eine andere Tonart. Auch über weite Entfernungen können sie sich verständigen. Teilweise ist das Heulen bis zu sechs Kilometer weit zu hören.

 

Mythen und Märchen

Wölfe waren schon immer Gegenstand vieler Geschichten und Fabeln. In Märchen wie „Rotkäppchen“ oder „Die sieben Geißlein“ wurden Wölfe als boshaftes Raubtier dargestellt. Dieses Bild verfestigte sich in vielen Köpfen.  Lange Zeit waren die Menschen der Überzeugung, dass sich Menschen in Wölfe verwandeln könnten. Die „Werwölfe“ töteten wahllos Kinder, Frauen und Männer und konnten andere Menschen durch einen Biss ebenfalls in einen Werwolf verwandeln.

Es gibt allerdings auch positive Darstellungen der Wölfe: In „Das Dschungelbuch“ wurde der kleine Waisenjunge Mowgli von einem Wolfsrudel groß gezogen und beschützt. Eine der bekanntesten Wolfslegenden betrachtet das Schicksal von Remus und Romulus, den Gründern der Stadt Rom. Sie wurden als Säugling von einer Fähe gefunden und gesäugt.

In den Geschichten der Ureinwohner Nordamerikas spielen Wölfe eine wichtige Rolle. Sie wurden als Totem eingesetzt und gelten als Schöpfer der Welt.

Der Wolf und der Mensch

Vor über 16.000 Jahren begann der Mensch, den Wolf zu zähmen und die Nachfahren zu domestizieren. Damals lebten die Wolfsrudel nahe der Menschen. Alle heute bekannten Hunderassen sind somit Verwandte der Wölfe.

Der Wolf hatte schon immer einen sehr schlechten Ruf. Im frühen Mittelalter wurden die Wölfe für das Verschwinden von Kindern verantwortlich gemacht und griff immer wieder die Tiere von landwirtschaftlichen Betrieben an. In Europa wurde der Wolf stark bejagt – Ziel war die Ausrottung des Raubtieres. In dieser Zeit entwickelten sich die grausamsten Jagdmethoden und auf die Tiere wurden Prämien ausgeschrieben. In vielen Teilen der Welt wird noch immer Jagd auf den Wolf gemacht, auch wegen des Pelzes.

Eingesperrt in Zoos und Tierparks werden Wölfe zu Unterhaltungszwecken benutzt. In Gefangenschaft können die Raubtiere nicht ihr natürliches Verhalten zeigen. Die Jungtiere können ihr Rudel nicht verlassen, um ein eigenes zu Gründen. Dies führt oft zu Spannungen in der Gruppe und zu einer anderen Rudelordnung. In Gefangenschaft zeigen Wölfe artfremdes Verhalten und kämpfen um die Rolle des Leitrüden oder der Leitfähe.

Wölfe in Deutschland

Um 1904 haben die jahrelangen Treibjagden Wirkung gezeigt und der Wolf ist in Deutschland ausgerottet worden. Seit Ende der 1990 Jahre haben sich in Deutschland an der polnischen Grenze erstmals wieder Wölfe niedergelassen. Mittlerweile sind 2016 schon gut 70 Wolfsrudel gezählt worden. Obwohl der Wolf in Deutschland unter Naturschutz steht, kommt es immer wieder vor, dass Tiere illegal erschossen werden. Der Mensch hat Angst vor dem unbekannten Tier, obwohl es so gut wie keine Angriffe von gesunden Wölfen auf Menschen gibt. Alle Angriffe weltweit lassen sich auf Fehlverhalten des Menschen oder auf Krankheiten wie die Tollwut zurückzuführen. Gegen Tollwut bekommen Füchse und Wölfe Medikamente in Form von Ködern.

Viele Landwirte sehen den Wolf als Feind, da es immer wieder zu toten Tieren durch den Wolf kommt. Dieses Problem kann durch Elektroschutzzäune und Herdenschutzhunde gelöst werden.

In unserem Ökosystem hat der Wolf eine wichtige Aufgabe: Er steht an der Spitze der Nahrungskette und reguliert den Bestand der Beutetiere selbst. Wir Menschen müssen nun lernen, mit dem Wolf nebeneinander zu leben und ihn nicht an den Mensch zu gewöhnen. Dafür ist es ganz wichtig, niemals einen Wolf zu füttern – auch nicht passiv, z.B. durch draußen stehendes Tierfutter. Normalerweise haben Wölfe großen Respekt vor den Menschen und weichen uns aus. Sollte es trotzdem zu einer Begegnung kommen, ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Hunde sollten nah heran geholt werden. Es wird empfohlen, sich langsam und nicht den Rücken zugewandt zu entfernen. Dabei sollte laut gerufen sowie geklatscht werden und sich möglichst groß darzugestellt werden. Niemals sollte zu nah an Welpen oder ein Beutetier gegangen werden!

Wenn mensch sich an diese Regeln hält, kann der Wolf wieder ungestört Einzug in unsere Wiesen und Wälder halten. Bejagt werden muss dann weder der Wolf, noch Reh oder Hase: Die Natur kann sich wieder selbst dezimieren. Jeder kann etwas zum Schutz dieser wundervollen Tiere beitragen: Boykottiert Tierparks, die noch immer Wölfe und andere Tiere zu Ausstellungsobjekten degradieren. Kauft niemals Produkte mit Pelz, denn Wölfe und all die anderen Tiere brauchen ihr Fell zum Überleben, ihr nicht. Protestiert gegen die Verschärfung des Jagdrechts und gegen den Abschuss von Wölfen.


Pasquale

Pasquale

Solange ein Mensch nicht etwas entdeckt hat, für das er zu sterben bereit wäre, ist er auch nicht bereit zu leben. (Martin Luther King)
Pasquale


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