Fleisch-Rekord

Dieser Text ist von Christa Blanke, Gründerin der Tierschutzorganisation Animals’ Angels, die sich gegen Langstreckentransporte von Tieren einsetzt. Er ist in einem Newsletter von Animals’ Angels erschienen und hat uns so bewegt, dass wir ihn mit euch teilen möchten. ANIMALS UNITED unterstützt die Arbeit von Animals’ Angels schon viele Jahre.

Am vergangenen Freitag saß ich um 5.30 Uhr früh im Auto vor einem Schlachthof und beobachtete die sogenannte „Anlieferung“. Es war stockdunkel und ziemlich kalt. In der Warteschlange standen drei mittelgroße LKW, zwei Traktoren mit großen Anhängern, ein Traktor mit kleinem Anhänger und ein großer LKW. Im grellen Scheinwerferlicht wurden Rinder und Schweine ausgeladen. Es ging völlig unaufgeregt und ganz ruhig zu. Niemand schrie. Kein Tier wurde geschlagen. Ab und zu quiekte ein Schwein. Die Rinder sagten gar nichts. Die Tiere gingen langsam die Rampe hoch und durch die offene Tür in das Gebäude. Aus der erleuchteten Halle des Schlachthofes drang das Rattern von Maschinen und das Geräusch von Motoren. Um 9.30 Uhr war die „Anlieferung“ beendet. Keine besonderen Vorkommnisse.

Ich saß in meinem Auto und mir war eiskalt, innerlich und äußerlich. Das ist die „Normalität“ in Deutschland. Das ist legal in Deutschland. Das ist was die deutsche Bevölkerung mehrheitlich will. Es soll anständig zugehen beim Töten von Tieren. Anständig und so wie es die Regeln vorschreiben. Damit jeder beruhigt sein Steak und sein Schnitzel essen kann.

Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht für 2015 folgende Zahlen für in deutschen Schlachthöfen getötete Tiere:

3.518.000 Rinder
59.292.000 Schweine
659.092.000 Hühner
1.025.600 Schafe & Ziegen
56.589.000 Puten, Enten & Gänse

Diese Zahlen können wir nicht mehr wirklich verstehen, weil wir uns das nicht vorstellen können. Deshalb bin ich nach langer Zeit wieder zu einem kleinen Schlachthof gefahren, der nicht bewacht wird wie ein Hochsicherheitstrakt, wo ich noch etwas sehen und hören konnte von den Tieren. Hier wurde das Leid für mich wieder erfahrbar, im Herzen und nicht im Kopf.

Die sogenannte „Fleischerzeugung“ in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 kontinuierlich gestiegen. Bei Geflügel um 100 %, bei Schweinen um 42 %. In 2015 verzeichneten die deutschen Schlachthäuser einen Schlachtrekord. Fleisch, das nicht in Deutschland verkauft werden kann, wird ins Ausland exportiert. Tiere aus Belgien und Frankreich werden zum Schlachten nach Deutschland gebracht, weil ihre Ermordung hier stärker industrialisiert und daher kostengünstiger ist. Im Jahr 2015 wurden in deutschen Schlachthäusern 779 Millionen 516.600 Tiere getötet. Wie viele davon waren nicht oder nur unzureichend betäubt? Wie viele davon waren transportunfähig? Wie viele davon hatten keinen einzigen schmerzfreien Tag in ihrem ganzen Leben? Wir werden es nicht erfahren. Darüber gibt es keine Statistik im zuständigen Bundesamt.

Das Töten von fast 780 Millionen Tieren in einem Jahr ist in Deutschland legal. Das ist was die deutsche Bevölkerung mehrheitlich will. Während im Internet ein virtueller Vegetarismus gefeiert wird und vegetarische Kochbücher gefragt sind wie nie zuvor, halten Landwirtschaft und Schlachthöfe einen noch nie dagewesenen Fleisch-Rekord. Wie verlogen ist das? Und wie traurig.

Immer mehr Kindergärten in Deutschland nehmen Schweinefleisch vom Speiseplan der Kleinen, weil muslimische Eltern sich beschweren. Es geht also. Man kann individuelle Lebensmittel-Interessen durchsetzen. Aber eben nur dann, wenn es unter keinen Umständen um die Tiere selbst geht. Religion, kulturelle Vielfalt, Willkommenskultur – darüber lässt sich reden, auch im Zusammenhang mit Essen. Der millionenfache Mord an Tieren ist kein Thema. Tiere haben nach wie vor keine effiziente Lobby in Deutschland. Sie haben nur uns: Sie, die Sie diesen Blogbeitrag lesen und mich. Deshalb dürfen wir nicht aufgeben. Und das allerwenigste, was wir tun können, ist, dass wir sie nicht vergessen. Damit ich sie nicht vergesse, deshalb habe ich in Kälte und Dunkelheit vor dem Schlachthof gesessen. Das ist meine Weise gegen das Vergessen anzugehen. Was könnt ihr tun? Besucht www.animalmemorial.org und schenkt 10 Minuten eurer Zeit den Tieren dort. Solange wir uns an sie erinnern, solange jemand ihre Fotos mit den Augen der Liebe sieht, bleiben sie lebendig – in unseren Herzen und durch unsere Liebe.



Anita

Bewusstsein ist nicht alles. Aber ohne Bewusstsein ist Alles nichts.
Anita

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