Je suis Cecil – Ich bin Cecil! Du nicht!(?)

Cecil here, Cecil there, Cecil everywhere – die Nachrichten der letzten Wochen waren voll mit Berichten über Cecil, den prachtvollen Löwen Simbabwes, der von einem amerikanischen Jagdurlauber illegal aus seinem Reservat gelockt und brutal getötet worden war. Ein Mord, der seither die Gemüter weltweit bewegt. Eine Tat, die weitereichende Konsequenzen heraufbeschworen haben will und doch kaum etwas ändern wird. Ein Vergehen, wie es nicht viel anders zigmal in eben dieser Sekunde geschieht. Und da wären wir beim Punkt.

Es ist noch düster, die Morgendämmerung wartet auf ihren routinierten Einsatz, als zwei Männer sich mit einem Köder in den Nationalpark begeben. Sie haben ein Ziel vor Augen. Rund 50.000 EUR ist es schwer. Ihr Plan geht auf, das mächtigste Wahrzeichen Simbabwes schwingt seine wuchtigen Pratzen hinter ihrem Wagen. Es beschleunigt, sie geben Gas. Weit habe sie nicht mehr. Die schwarz-goldene Mähne weht ein letztes Mal durch den geschützten Lebensraum, dann ist dieser verlassen und der König der Tiere verbeißt sich in dem leblosen Körper, den die beiden Männer mit ihrem Auto durch die Steppe geschliffen haben. Ein kurzes Zischen ist zu hören, ein tiefer stechender Schmerz bahnt sich seinen Weg durch die Nervenbahnen, ein lautes Brüllen erschallt, Blut tropft auf den sich allmählich erhitzenden Boden, Staub wirft sich auf und der golden schimmernde Körper der Großkatze nimmt Reißaus. Es liegen 40 Stunden qualvoller Flucht vor ihm. Mit einem Pfeil im Körper lässt sich schwer laufen und atmen. Aber Cecil kämpft. Am Ende werden sie ihn finden: Die zwei Männer und der Dritte, der sie bezahlt und den Pfeil durch Cecils Körper gebohrt hat. Bohren kann dieser gut, denn er ist ein amerikanischer Zahnarzt. Um Karies geht es heute jedoch nicht, heute wird kein Zahn gezogen und auch kein Plaque entfernt. Heute wird ein Leben ausradiert. Dem Pfeil folgen Schüsse, Cecil nimmt einen letzten Atemzug, der Amerikaner grinst vor Stolz als er den abgetrennten Kopf des gehäuteten Löwen an seiner mächtigen Mähne in der Hand hält. Die goldene Mähne mit dem einzigartigen Schwarzanteil, die jeder in Simbabwe und viele weltweit kennen. Der Zahnarzt und seine Handlanger werden später behaupten, diese nicht erkannt zu haben, den Zorn der Welt werden sie dennoch erfahren. Die Großwildjagd für Trophäen ist an den Pranger gestellt.

Nur wenige Tage vor Cecils Tod: Gummistiefel quietschen sich ihren Weg über den Beton, hier und da hört man Eisengestänge über den Asphalt ratschen. Die Luft brennt, die Stimmung ist gut. Heute ist ein großer Tag, ein König soll gefunden werden. Einer aus rund 1 ½ Tausend wird es werden. Ein Mann, denn Frauen dürfen bei dieser Tradition auch heute noch nicht teilhaben. Punkt 8 Uhr morgens: Der Schall eines Böllerschusses bahnt sich seinen Weg durch die Gassen, zig schreiende und grölenden Männer springen in das Wasser, stoßen Grunzlaute aus während sie wild mit ihren Körpern wackeln, der sogenannte „Wackeltanz“. In ihren Händen: Metallene Netze. Früher taten es noch Astgabeln mit Netzen, aber auch hier in der Einöde hat der Fortschritt Einzug gehalten. Nein, wir befinden uns nicht in Afrika. Simbabwe ist rund 12.000 km entfernt. Wir sind im beschaulichen Memmingen in Bayern, wo der Fischertag stattfindet, ein traditionelles Fest aus dem Mittelalter, bei welchem gerade die Bachfischer mit dem Bachausfischen beginnen – ein brutales Treiben, eine Wettveranstaltung, bei der sich ganze Herrenscharren teils Angetrunkener auf die Fische schmeißen, sie zertrampeln und mit ihren Keschern traktieren, um sie zu fangen und in Eimer zu stopfen. Tausende Forellen, die zuvor extra in den Stadtbach entlassen wurden, werden dabei gefangen und sinnlos getötet werden. Eine Mordsveranstaltung, die seit jeher auf gesetzliche Vorgaben pfeift. Ein Ereignis, das keine Regeln kennen will. Ein Tag, der an Cecils Todestag erinnert. Das Ziel klingt vertraut pervers: Die Königsforelle muss gefangen werden. Sprich: Die schwerste Forelle, die innerhalb von 30 Minuten gefangen werden kann. Diese wird auf ein Brett genagelt werden, ein stolzes Fotoshooting mit dem Fänger inklusive. Eine Trophäe will schließlich gezeigt, ihr Fänger zum Fischerkönig gekürt werden. Plötzlich ist Simbabwe ganz nah.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Während in Memmingen mehrere zehntausende Menschen an dem grausamen Spektakel direkt teilhaben, war Cecil mit seinen drei Peinigern ganz alleine. Sein Mord geschah im Verborgenen. Der Mord an tausenden fühlenden Forellen (aktuelle Studien sprechen Fischen definitiv ein Schmerzempfinden zu) geschah in voller Öffentlichkeit, wurde zelebriert, bejubelt und maximal medial ausgeschlachtet. Und dennoch reichte er nicht mal im Ansatz an die Medienpräsenz von Cecils Tod heran. Die Königsforelle mag die Größte im Memminger Stadtbach sein, in den Herzen der Menschen ist jedoch leider nur Platz für einen  – den Löwenkönig. Sein Brüllen geht durch Mark und Bein, während die stummen Schreie der Forelle ungeachtet bleiben. Seine mächtige Mähne verblasst im Angesicht ihrer bunt schimmernden Schuppen, aber um letztere wahrnehmen zu können, muss Mensch genau hinsehen, für erstere nicht. Die Mähne löst ein Gefühl aus, das erschreckt wie entzückt: Angst, die gerne mit Respekt verwechselt wird. Wäre die Forelle 2m groß, sehe alles schon wieder anders aus. Aber das ist sie nicht. Sie scheint nur ein Bestandteil eines Schwarms, während Cecil als Individuum, als eine Einzigartigkeit gefeiert wird. Wurde. Worin besteht aber der Unterschied? Fühlenden Lebewesen ist es herzlich egal, ob sie von uns mit fiktiven Klassifikationen in unser anthropozentrisches Weltbild eingeordnet werden. Für ihren Schmerz und ihr Leid macht es keinen Unterschied, ob wir sie als „Großwild“ sehen oder nicht. Dennoch bewegt der Tod Cecils dieser Tage und Wochen Millionen Menschen während der Tod der Königsforelle und ihrer tausend Gefährt_innen kaum jemanden traurig stimmt, die Mehrheit dürfte nicht mal davon erfahren haben.

Die Antwort scheint ganz einfach, denn die Frage lässt sich so auch auf uns menschliche Tiere anpassen. So bewegt der Mord an einem “Promi” weitaus mehr Menschen als das Abschlachten ganzer Bevölkerungsteile. Es ist schlichtweg einfacher, ein als vermeintlich “besonders” klassifiziertes Wesen zu betrauern als eine anonyme Masse, die so fern scheint. Auch wenn Memmingen näher als Simbabwe ist. Cecil kann nur einmal sterben, die Forellen sterben jedes Jahr. Daher gilt ihr Tod schon beinahe als gewöhnlich. Wie es nur noch wenige juckt, wenn mal wieder irgendwo im arabischen Raum einen Autobombe oder eine “friedenbringende” Rakete einen Schulbus in die Luft sprengt. Würde das in Memmingen geschehen, wäre monatelang von nichts anderem die Rede. Die Memminger „Tradition“, bei welcher der Mord an Tausenden von Tieren bejubelt und gefeiert wird, ist keinen Deut weniger barbarisch als die Hinrichtung Cecils – nur sterben in dem kleinen Kaff im sommerlichen Allgäu tausend Mal mehr Individuen, jedes Jahr aufs Neue. Von einer weltweiten Protestwelle können sie nur träumen. In ihren Eimern geht es in die Tötungszelte, wo auf sachgerechte Betäubung nicht viel Wert gelegt wird. Hier werden sie aufgeschnitten, während sie sich vor Schmerz krümmen und wild zappeln und zucken. Ein zum Scheitern verurteilter Kampf, den Cecil auch zu kämpfen hatte, als er sich vor dem Zahnarzt durch die Steppe schliff. Sein Antlitz war für eine Trophäenwand gedacht, das der Königsforelle ebenso.

Vergangenes Jahr waren alle von einem Tag auf den anderen französische Karikaturist_innen, auch die, deren Französisch über „Voulez-vous coucher…“-Parolen für gewöhnlich nicht hinausreicht, hatten drei Worte auf den Lippen und der Tatstatur: Je suis Charlie – Ich bin Charlie. Eine Solidaritätsbekundung. Auch wenn die wenigsten die Satirezeitschrift Charlie Hebdo wohl jemals in der Hand und viele wohl zuvor noch nie von ihr gehört oder gelesen hatten, solidarisierte sich gefühlt die halbe Welt mit den Ermordeten. Mit Cecil ist das nicht viel anders. Nur, dass wir alle nicht Cecil sind – nous ne sommes pas Cecil. Denn was Cecil geschah, kann uns zum Glück so schnell eher nicht widerfahren. Vielen nichtmenschlichen Tieren hingegen schon. Nicht wenigen widerfährt Ähnliches just in diesem Moment. Für jedes einzelne dieser empfindsamen Wesen – von der Memminger Forelle bis zum Rehbock im nächstgelegenen Waldstück gilt daher ganz klar: Je suis Cecil – Ich bin Cecil. Wie Cecil werden sie gejagt, abgeschlachtet, gehäutet und geköpft. Ihr Leid ist nicht minder, nur weil sie keine “Berühmtheit” sind.

Es wird Zeit, dass wir uns erheben und Widerstand ausrufen, eine Revolution gegen die sich grün Tarnenden. Gegen die, die aus Spaß und Macht, für Trophäen und Ansehen töten. Für jene, die ihr Morden unter dem Deckmantel vermeintlichen Natur- und Tierschutzes und vorgehaltener Bestandsregulierung tätigen und dabei ungeschoren davonkommen. Lasst uns ihr_e Richter_innen sein! Lasst sie uns abstrafen. Mit der Wahrheit. Die wir in die Welt tragen wollen. Denn unsere Gedanken bestimmen unser Handeln. Also lasst uns eine Kehrtwende einläuten, lasst Cecils Tod nicht vergebens gewesen sein. Lasst uns unsere Solidarität gegenüber Cecil auf alle anderen Tiere, die dem grausamen und überflüssigen Jagdgeschäft und –sport zum Opfer fallen, übertragen. Lasst es jeden Menschen wissen, von Memmingen bis Simbabwe: Alle bejagten Tiere sind Cecil – tous les animaux chassés sont Cecil!

#JeSuisCecil



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