“Haltungskompass” bei Lidl für mehr “Tierwohl”?

Für die meisten Verbraucher_innen wird der Ruf nach mehr “Tierwohl” immer lauter. Die Intensivtierhaltung wird von einem Großteil der Bevölkerung offen abgelehnt, am Konsumverhalten hingegen wenig geändert. Um dieser Schere zwischen Wunsch und Handeln entgegenzuwirken wird immerzu mehr Transparenz in der “Lebensmittel”industrie gefordert. Die Auswahl des Produkts, das für mehr “Tierwohl” steht, soll erleichtert beziehungsweise ermöglicht werden. Auf diese Weise soll sich das Kaufverhalten jedes Einzelnen zum “Positiven” hin entwickeln. Eine staatliche Kennzeichnung für Eier gibt es bereits, für Fleisch hingegen nicht. Die Supermarktkette Lidl zieht im April 2018 mit einem “Haltungskompass” für Fleisch nach – Eine lobenswerte Entwicklung oder eher Gewissensberuhigung der Konsument_innen?

Wie sieht Lidls “Haltungskompass” aus?

Der “Lidl-Haltungskompass” strebt ein vierstufiges Modell an, welches die “bewusste” Kaufentscheidung unterstützen soll:

  • Stufe 1 “Stallhaltung”: Die niedrigste Kategorie in Sachen “Tierwohl” entspricht lediglich den gesetzlichen Standards
  • Stufe 2 “Stallhaltung plus”: Das “Plus” bietet den Tieren mehr Platz sowie Beschäftigungsmöglichkeiten, die eine “artgerechtere” Haltung ermöglichen sollen
  • Stufe 3 “Auslauf”: Die Tiere erhalten weiteren Platz, werden nur mit gentechnikfreiem Futter ernährt und haben die Möglichkeit Außenbereiche zu nutzen
  • Stufe 4 “Bio”: Die “beste” Kategorie kennzeichnet Fleisch aus Betrieben, die den gesetzlichen “Bio”-Standards entsprechen

Eier-Kennzeichnung förderte die “bewusste” Kaufentscheidung, oder?

Der “Haltungskompass” orientiert sich an der staatlichen Eierkennzeichnung (0 = Ökologische Erzeugung; 1 = Freilandhaltung; 2 = Bodenhaltung; 3 = Kleingruppenhaltung/Käfighaltung), die dazu führte, dass Eier aus Käfig- und Kleingruppenhaltung weniger gekauft wurden. Ohnehin ist die Käfighaltung seit 2010 verboten und die Kleingruppenhaltung wird ihr Ende ab 2025 finden. Der Import aus solchen “Haltungen” jedoch nicht. Beim näheren Hinsehen ist der Erfolg der Eier-Kennzeichnung nur ein scheinbarer: Sie gilt nämlich nicht für Eier in verarbeiteten Produkten. In Mayonnaise, Gebäck & Co. verstecken sich meist Eier aus genau diesen, schlechtesten “Haltungsformen”.

Was ist der tatsächliche Nutzen vom “Haltungskompass”?

Selbstverständlich ist jede Bemühung, die die Lebensbedingungen von Tieren in der Intensivtierhaltung verbessern sollen, zu befürworten. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Anstrengungen immer tatsächlich etwas bewirken oder in die gänzlich korrekte Richtung laufen. Ähnlich wie bei der Eier-Kennzeichnung tun sich auch hier zahlreiche Lücken auf, geschweige denn der Tatsache, dass eine staatlich verpflichtende Kennzeichnung für Fleisch noch aussteht. Problematisch an allen Bemühungen, das “Tierwohl” zu erhöhen (hierzu gehört auch die Initiative Tierwohl) ist, dass sie vor allem das Gewissen der Konsument_innen beruhigen. Die Labels zeigen nur auf, welche der tierischen Produkte vermeintlich “besser” oder sogar “gut” sind. Somit wird das Kaufspektrum nur innerhalb der tierischen Produkte zum “besseren” hin verschoben. Der Erhalt der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie wird folglich gestützt und gefördert. Tatsächlich sollte es nicht darum gehen “besser” zu kaufen sondern weniger. Werden tierische Produkte weiterhin in derart hohen Maßen “produziert” liegt es auf der Hand, dass tatsächliche Besserungen in der “Tierhaltung” ausbleiben.

Wie sieht wahre Transparenz aus? 

Wahre Transparenz bedeutet nicht, irgendwelche Labels aufzudrucken, sondern den Konsument_innen zu zeigen, wie es in den Ställen wirklich aussieht. Hier bieten schöne Werbefilmchen nicht mehr als ein verzerrtes Bild der Realität. Oft werden noch nicht einmal gesetzliche Standards eingehalten – daran ändern auch Siegel wie “Stufe 1 Stallhaltung” nichts. “Bio” wird immerzu als gut und vertretbar befunden, doch tatsächlich gibt es nur marginale Unterschiede zur konventionellen Tierhaltung. Unsere Gesellschaft sollte sich mit der Realität der “Produktion” tierischer “Lebensmittel” auseinandersetzen und deren vermeintliche Notwendigkeit grundlegend hinterfragen. Sich hinter Kennzeichnungen und Labels zu verstecken bringt den Tieren in den Betrieben reichlich wenig. Sieht das Schwein seinem Tod entgegen, sind ihm seine “guten Haltungsbedingungen” egal – ein gewaltsamer Tod macht all diese Bemühungen zunichte. Denn kein empfindsames Lebewesen möchte für unseren Genuss sterben.

>>> UPDATE 12.3.18: Der deutsche Bauernverband fordert nun eine staatliche Fleischkennzeichnung



Laura

Laura

"Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?" (George Bernard Shaw)
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