Meine Freundin, die Immigrantin “Waschbär”

Gestern war ich wieder “meinen” Waschbären besuchen. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, so ein schönes Tier so hautnah erleben zu können. Die kleine Waschbärin – es ist nämlich ein Weibchen – war total aufgeweckt und neugierig. Als es ums Futter ging ist sie sogar richtig kreativ geworden, wie sie am besten die Tüte mit dem Futter klauen könnte. Erst als das ganze Futter leer war, ist die Bärin ruhiger geworden und ich konnte sie streicheln und in die kleinen schwarzen Knopfaugen schauen.

Ich weiß, hier werden die ersten unter euch rufen “das ist aber nicht artgerecht, die Tiere so nah am Menschen zu halten”. Ja, das stimmt! Mensch muss aber die Vorgeschichte und die gesetzlichen Hintergründe dieser Situation kennen. Denn Waschbären kommen nicht aus Europa. Die ersten Waschbären wurden im zweiten Weltkrieg von den amerikanischen Streitkräften als “Maskottchen” mit nach Deutschland gebracht. Im Krieg wurden nicht selten Gehege beschädigt und die Waschbären sind ausgebüchst. Nach dem Krieg, als der Großteil der Amerikaner_innen wieder in seine Heimat ging, ließen sie die restlichen Waschbären häufig einfach frei. Hinzu kommen noch vereinzelte Tiere, die aus Pelzfarmen fliehen konnten. Der Waschbär fühlt sich seither auch in unseren Breitengraden sehr wohl. Nach Schätzungen leben mittlerweile mehrere hunderdtausend Waschbären in Deutschland.

Zurück zu “meinem” Waschbär: Vor ca. 2 Monaten las ich, dass im Tierheim drei kleine Waschbärbabys aufgenommen worden seien und “Paten gesucht” würden. Ich überlegte nicht lange und übernahm eine Teil-Patenschaft für einen der Bären. Eigentlich ist mein Freund der Waschbär-Papa, denn ich habe ihm diese Patenschaft zum Geburtstag geschenkt. Regelmäßig dürfen wir die Bären im Tierheim besuchen, füttern und mit ihnen Zeit verbringen, worüber sich die Kleinen sehr freuen. Auf Nachfrage bei den Tierpfleger_innen haben wir erfahren, dass ihre Mutter von einem Auto angefahren wurde und gestorben ist. Die Autofahrerin hatte bemerkt, dass die Waschbärin große Zitzen hatte und hatte sich daher auf die Suche nach dem Nachwuchs begeben. Mit Erfolg. Die gefundenen kleinen Bären gab sie im Tierheim ab.

Die drei kleinen Mädels hätten nicht ohne menschliche Aufzucht überlebt und wurden deshalb im Tierheim aufgenommen. Das Traurige ist, dass die Kleinen niemals ausgewildert werden können, weil es gesetzlich verboten ist, nichtheimische Tiere auszuwildern! Eigentlich ist der Waschbär mittlerweile längst heimisch in unseren Wäldern, allerdings wollen Politiker_innen und vorallem Jäger_innen sowie die Jagd-Lobby nicht, dass der Waschbär als heimisch anerkannt wird, da mensch sie sonst nicht schießen dürfte. Schaut mensch sich ein bisschen im Internet zu diesem Thema um, findet mensch häufig Argumente, warum die Waschbären abgeschossen werden “müssen”. Angeblich seien es zu viele, würden in den Lebensraum der Menschen eindringen und sich unkontrolliert vermehren.

Das Problem der angeblich unkontrollierten Vermehrung ist jedoch durch den Menschen verursacht. Der natürliche Feind des Waschbären ist der Wolf! Da der Wolf aber bei Jäger_innen ebenso als Zielobjekt beliebt ist und er in Deutschland fast ausgerottet wurde, hat der Waschbär in der Tat nur wenige natürliche Feinde. Würde mensch einfach die Wölfe in unseren Wäldern wieder leben und sich vermehren lassen, würde sich der Bestand beider Tiere auf ganz natürliche Weise regeln. Durch das Eingreifen der Jäger_innen in das sensible Gleichgewicht der Natur entsteht ein Ungleichgewicht, durch welches sich Ersteres nur sehr schwer wieder herstellen lässt. Dies wird weiter dadurch gefördert, dass der Mensch immer weiter in den Lebensraum der Tiere eindringt. Viele Tiere passen sich daher einfach an unseren neu geschaffenen Lebensraum an. z.B., indem ein Waschbär Futter aus der Mülltonne klaut. Ein Großteil der Menschen fühlt sich jedoch dadurch gestört und hat Angst. Vor was denn? Wir leben im Lebensraum der Tiere! Aber wehe, der Wolf reißt mal eines “unserer” Schafe. Deshalb schießt mensch am besten gleich alle Wölfe ab. Und alle Bären auch noch, die könnten ja auch für uns gefährlich werden. Ach ja, jetzt hat der Waschbär keinen natürlichen Feind mehr… ach, schießen wir alle Waschbären einfach ebenfalls ab. Und so weiter und so fort…

Meiner Meinung nach sollten wir uns bewusst machen, dass wir mit den Tieren in einem gemeinsamen Lebensraum wohnen und daher versuchen, miteinander zu leben und dem anderen den notwendigen Platz und Freiraum zu geben anstatt alles rücksichtslos aus dem Weg zu räumen, was uns nicht in den Kram passt! Tiere sind keine Zielscheiben, sondern Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen wie wir! Waschbären können nichts dafür, dass sie hier unter uns leben müssen, daran ist der Mensch Schuld. Es liegt daher an uns, sich um die Waschbären zu sorgen! Präventiv im Vorhinein mitdenken ist immer sinnvoller als rehabilitativ im Nachhinein alles ausrotten zu wollen, was mensch als “Problem” deklarieren möchte. Die heimische Fauna mit Kugeln vor Immigrant_innen schützen zu wollen, während mensch eben diese bejagt, macht keinen Sinn und verspricht nachhaltig keinen Erfolg. Aber Logik und Jagd sind ja seit jeher zweierlei.



Verena

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Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. (Bertolt Brecht)
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