Mythen rund um die Jagd

Immer wieder hört mensch in den Nachrichten, dass Jäger_innen aus Versehen Liebespaare im Maisfeld, Jogger_innen zu späterer Abendstunde oder Haustiere wie Hunde und Katzen mit Wildtieren verwechseln – das kann einem draußen in Wald und Natur durchaus Angst machen. Ungefähr 5,5 Millionen Tiere werden jährlich Opfer dieses Hobbys. Darunter etwa 350.000 Katzen und Hunde, Singvögel und Tiere, die sich auf der roten Liste der bedrohten Arten befinden – die Dunkelziffer ist erheblich höher. Wofür das alles, fragt mensch sich? Die Schaffung von Biotopen, Biotopvernetzung oder nur die Schaffung von Deckung für das Wild spielt zumindest kaum eine Rolle. Ein Großteil der „Beute“ wird als „Abfall“ entsorgt.

Es wird Zeit mit den Jagdmythen auszuräumen und Licht ins Dunkel zu bringen: Ist Jagd denn wirklich notwendig und sinnvoll?

1. Die Zahl der Wildtiere nimmt ohne Jagd überhand

Falsch – Ohne die Jagd gäbe es laut wissenschaftlichen Studien sogar weniger Wildtiere. Obwohl in Deutschland so viele Wildschweine geschossen werden wie noch nie, steigt deren Anzahl weiter.

Bei den großen Treib- und Drückjagden werden die Sozialstrukturen und Familienverbände der Tiere auseinander gerissen. Jungtiere verlieren ihre Eltern und sind meist ebenfalls dem Tod geweiht. Die Lebenserwartung der Tiere sinkt drastisch, was eine frühzeitige Geschlechtsreife und eine steigende Geburtenrate zur Folge hat. Die Tiere vermehren sich unkontrolliert. Je mehr Jagd also auf Wildtiere gemacht wird, umso stärker vermehren sie sich.

Und so paradox es klingen mag: Der Mensch ist durch seine umfassend betriebene Landwirtschaft selbst der Hauptverantwortliche für die Überpopulation vieler Wildtierarten. Durch das Überangebot an Futter auf den Feldern und weil viele Jäger im Winter im Rahmen der „Hege“ zusätzlich zufüttern, wird verhindert, dass die Tierpopulationen sich selbst regulieren. Zäune wären zumindest für ersteres Problem eine tierleidfreie, artgerechte Lösung, doch anstatt auf Ursachenbekämpfung zu setzten, „kümmert“ mensch sich lieber engstirnig weiterhin um die Folgen.

Eine natürliche Selektion der Wildpopulationen findet durch Umwelteinflüsse wie Witterung, Nahrungsverfügbarkeit oder Krankheiten ohnehin statt und bedarf nicht der Beihilfe der Menschen. Auch Leittiere, die in Rotten und Verbänden auf natürlichem Weg einer übermäßigen Vermehrungsrate entgegenwirken, regulieren das Anwachsen der Populationen, sofern diese nicht geschossen werden.

2. Jagd läuft fair und schonend ab

Falsch – Waldtiere werden bei Treib- und Drückjagden in Todesangst versetzt und vor die Büchse der Jäger getrieben oder heimtückisch aus dem Hinterhalt angegriffen.

Bei der grausamen Fallenjagd sterben viele Tiere durch schwere Quetschungen und Brüche einen qualvollen Tod. Keine Totschlagfalle garantiert den sofortigen Tod des Tieres. Stunden- und tagelanges Leiden in der Falle oder ein Entkommen mit zerschlagenen oder abgetrennten Gliedmaßen sind keine Seltenheit. Bei Lebendfallen sieht die Situation nicht viel besser aus: die gefangenen Tiere geraten in ihren beengten Verhältnissen in Todesangst und verletzen sich häufig. Obwohl regelmäßige Kontrollzyklen der Fallen vorgeschrieben sind, sterben nicht wenige Tiere in ihrer Angst an Herzversagen oder verhungern und verdursten.

Laut der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. verenden – vor allem bei der Drückjagd – bis zu 70 Prozent der Wildtiere nicht unmittelbar, sondern erleiden qualvolle Kiefer-, Bauch- und Laufschüsse. Jäger verwenden so genannte Expansions- oder Deformationsgeschosse, die beim Austritt aus dem Körper faustgroße Wunden reißen. Doch mit zerfetzten Eingeweiden oder zerrissener Lunge stirbt das Tier nicht zwangsweise sofort. Es verblutet bzw. erstickt qualvoll und legt auf seiner Flucht nicht selten noch Strecken von mehreren 100 Metern zurück. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff der „Nachsuche“ für verletzte Tiere.

Manche Tiere sterben überhaupt nicht an der Wunde, sondern an den Folgen, weil sie beispielsweise mit zerschossenem Kiefer keine Nahrung mehr aufnehmen können.

Auch etwa 400 Enten, werden jährlich bei der Ausbildung von Jagdhunden getötet, um die Hunde an ihnen „scharf“ zu machen. Damit sie während des Trainings nicht flüchten können, werden die hilflosen Enten an ihren Flügeln fixiert und kommen unter grausamen Bedingungen um.

Ja, im Wald herrscht weitgehend “Rechtsfreiheit”, wenn es um die Jagd geht, denn die „Waidgerechtigkeit“ ist ein undefinierter Begriff.

3. Jagd ist zur Kontrolle von Krankheiten notwendig

Falsch – Die Jagd sorgt vielmehr für eine beschleunigte Ausbreitung von Krankheiten. Unter Anderem durch die Jagd haben sich Tollwut und andere Krankheiten breit gestreut und konnten erst durch den Einsatz von Impfködern erfolgreich beseitigt werden.

Ganz davon abgesehen, dass es den letzten dokumentierten Tolllwutfall in Deutschland laut Robert-Koch-Institut (RKI) 2006, also vor über 10 Jahren gab, weisen Forscher schon seit Langem darauf hin, dass die Angst vor dem Fuchsbandwurm übertrieben ist. Hierzulande ist kein einziger Fall einer Infektion über Waldfrüchte bekannt.

Und auch wenn dem so wäre: Eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Weihenstephan der Technischen Universität München konnte bestätigen, dass durch das konsequente Auslegen von Entwurmungsködern die Infektionsrate dauerhaft auf ein Minimum gesenkt werden kann und ein Abschuss daher nicht ohnehin nicht zur Debatte stehen müsste.

4. Jagd beugt Wildunfällen vor

Falsch – sie ist mitverantwortlich für Wildunfälle. Bei der Jagd, besonders bei großen Treibjagden, werden die Tiere aufgescheucht. Dabei flüchten sie und rennen in Todesangst um ihr Leben –auch über Straßen und in bewohnte Gebiete. Dort werden ihnen häufig heranrasende Fahrzeuge zum Verhängnis, und auch für die Menschen können solche Wildunfälle tödlich enden.

Wozu gibt es dann überhaupt noch Jagd?

Die Fakten beweisen: Das ökologische Gleichgewicht zu erhalten und den Menschen Sicherheit zu gewährleisten sind nur vorgeschobene Gründe, um die Jagd auch weiterhin verzweifelt zu legitimieren. Wahre Beweggründe sind wirtschaftliche Bestrebungen, Erhaltung eines “traditionellen” Berufszweiges sowie die bloße Freude am Töten.



Alina

Alina

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen. (Ernst R. Hauschka)
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