Schildkröten: In der Wildnis bedroht, als “Haustiere” missbraucht

Klein, drollig und langsam – das ist das Erste, was den meisten Menschen einfällt, wenn sie an uns Schildkröten denken. Einige finden uns sogar so niedlich und faszinierend, dass sie uns gleich bei sich zu Hause einquartieren möchten. Viele vergessen dabei jedoch, dass wir viele spezielle Bedürfnisse haben. Sie gehen nicht ausreichend auf diese ein, sodass es vielen meiner Artgenoss_innen leider alles andere als gut geht. Auch diejenigen, die in Freiheit leben, haben mit immer mehr Gefahren und Problemen – überwiegend durch euch Menschen verursacht – zu kämpfen. Bevor ich hierauf genauer eingehe, möchte ich euch jedoch erst einmal ein paar witzige und interessante Fakten über uns verraten, die ihr bestimmt noch nicht kanntet.

Interessante und witzige Infos über Schildkröten

Wusstet ihr beispielsweise schon…

…dass wir, genau wie ihr, auch Schluckauf haben können? Dieser wird meist durch zu schnelles und hektisches Fressen ausgelöst und macht sich in fauchenden Zischlauten bemerkbar.

…dass wir viel besser als ihr sehen können, da wir vier verschiedene Farbrezeptoren haben, mit denen wir sogar Infrarot- und Ultraviolett-Strahlung wahrnehmen können? Einige von uns haben sogar spezielle Linsen, mit denen der Brechungswinkel von Wasser ausgeglichen wird oder eine spezielle Augenstellung, die einen Panoramablick ermöglicht.

…dass es über 300 verschiedene Arten von uns gibt und wir aufgrund unserer sehr guten Anpassungsfähigkeit zahlreiche verschiedene Lebensräume besiedeln, darunter Flüsse und Meere, Inseln, Wüsten, Sumpfgebiete und Festland, und wir dadurch auf fast allen Kontinenten (bis auf die Polargebiete) vertreten sind?

…dass unser Panzer aus Knochen und Haut besteht und auch Blutgefäße und Nervenzellen enthält, wir dort sehr empfindlich sind und es sehr schmerzhaft für uns sein kann, wenn ihr z.B. mit euren Fingernägeln darauf herumkratzt?

…dass bei vielen unserer Arten das Geschlecht nicht genetisch sondern durch Brut- und Umgebungstemperatur der Eier bestimmt wird? Daher trägt bei uns der Klimawandel z.B. auch dazu bei, dass mehr weibliche als männliche Schildkröten geboren werden.

Schildkröten als “Haustiere”?

Auch, wenn wir u.a. dadurch, dass wir nicht gerade groß sind und mensch mit uns nicht Gassi gehen zu braucht, auf den ersten Blick sehr pflegeleicht zu sein scheinen, sind wir alles andere als das. Laut einer Studie der Uni Leipzig sterben 70% von jenen von uns, die als tierische Mitbewohner_innen gehalten werden, aufgrund falscher “Haltungs”bedingungen. Bei falscher Ernährung oder Überfütterung können wir z.B. Organschäden oder Durchfall erleiden. Als wechselwarme Tiere sind wir auf genügend Wärme und Sonneneinstrahlung angewiesen. Wir müssen daher unbedingt oft genug draußen sein und brauchen auch für Innen spezielle Licht- und Wärmelampen. Zudem sind feuchte und dunkle Schlaf- und Versteckmöglichkeiten wichtig. Auch für unsere Winterruhe haben wir spezielle Temperaturanforderungen. Oft wird auch vergessen, dass wir sehr alt werden können und hohe Kosten für uns anfallen. Hiermit habe ich nur einige unserer vielen Bedürfnisse aufgezählt.

Und bitte kauft uns nicht bei Zoogeschäften oder Züchter_innen sondern adoptiert uns lieber aus Tierheimen. Auch in Reptilienauffangstationen warten viele von uns auf ein neues Zuhause. Wer sich der großen Aufgabe, eine Schildkröte aus dem Tierschutz zu adoptieren und bei sich aufzunehmen, nicht gewappnet fühlt, was aufgrund unserer oben erwähnten hohen Ansprüche ja durchaus gerechtfertigt ist, kann bei einigen Lebenshöfen auch Patenschaften für einige von uns abschließen.

Wildlebende Tiere sind bedroht

Doch auch diejenigen meiner Artgenoss_innen, die in Freiheit leben, haben es nicht gerade leicht. Fressfeinde sind da noch das kleinste Problem. Ihr Menschen stellt auf vielfältige Weise eine Gefahr für uns dar, einige Arten sind daher sogar schon vom Aussterben bedroht – und das, obwohl wir schon seit mehr als 220 Millionen Jahren diesen Planeten besiedeln und sowohl Eiszeiten als auch die Zeit der Dinosaurier tapfer durchgemacht haben. Für einige von euch Menschen gelten wir als Delikatesse und werden zu tausenden gefangen oder gar extra unter grausamen Bedingungen auf engstem Raum hierfür gezüchtet. Durch menschliche Engriffe, wie z.B. Tourismus, Landwirtschaft oder Bebauung, werden unsere Lebensräume – so vielfältig diese auch sind – zerstört. Durch die zunehmende Naturverschmutzung und Vermüllung, insbesondere auch der Meere, verfangen sich viele von uns in Plastikmüll oder verwechseln diesen mit Fressen, wodurch unser Verdauungssystem oder unsere Atemwege blockiert werden und wir qualvoll sterben. Durch den Schiffsverkehr erleiden allein in einer Brutsaison in einem unserer Hauptbrutgebiete über 20.000 von uns Verstümmelungen. Auch der Klimawandel macht vielen von uns, wie oben bereits erwähnt, insbesondere bei unserer Fortpflanzung zu schaffen.

Ich hoffe, ihr denkt an meine Worte, bevor ihr nächstes Mal Müll auf die Straße werft oder wenn ihr Menschen begegnet, die Artgenoss_innen von mir als tierische Mitbewohner_innen bei sich aufgenommen haben oder vorhaben, dies zu tun. Denkt dran: Wir sind kein Hobby, kein Dekoobjekt und auch kein Kinderspielzeug, sondern Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen wie ihr! Danke!

Viele Grüße,
euer Fred (der auf dem obigen Foto extra lieb für euch in die Kamera geschaut hat)

 



Larissa

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Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse deine Spur. (Jean Paul)
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