EnzyklopäTIER: Schwertwale – Giganten zwischen Beton

Vor langer Zeit sah ich ein Bild, das mich nachhaltig beeindruckte. Zu sehen war ein kleiner Pool, normal groß, nicht besonders schön gestaltet. Wäre es ein Hotelpool, würde ich dort unter keinen Umständen Urlaub machen wollen. Das Bild zeigte aber kein Urlaubsdomizil oder gar einen Wohnort, sondern eine Haftanstalt. In dem kleinen Becken muss ein großer Schwertwal sein Leben fristen. Eingesperrt ohne Grund – lebenslang.

Schwarz-weiße Delfine

Denkt mensch an Delfine, kommen ihm_ihr die grauen Tümmler, welche aus dem Wasser springen in den Sinn.  An die zweifarbigen Wale denkt wohl kaum jemand. Tatsächlich gehören auch Orcas zu der Familie der Delfine. Die Tiere können bis zu 10 Meter und 6-10 Tonnen schwer werden. Schon bei der Geburt bringen Jungtiere 200 kg, bei einer Länge von 2 Metern, auf die Waage. Bei Männchen ist die Rückenflosse, auch Finne genannt, besonders markant: sie kann gut zwei Meter groß sein, bei Weibchen bleibt sie kleiner. Die Wale lassen sich an den Rückenflossen gut auseinanderhalten: Wie die Gesichter von Menschen unterscheiden sich auch die Finnen in ihrer Form, Farbe und Kennzeichen. Orcas haben eine typische Schwarz-weiße Musterung, besonders auffallend ist ihr weißer Fleck seitlich hinter den Augen. Die Kommunikation der großen Schwertwale findet mithilfe von Walgesang statt. Schall verbreitet sich unter Wasser viel schneller als durch die Luft. Weibliche Tiere können bis zu neunzig Jahre alt werden!

Mit allen Wassern gewaschen

Schwertwale sind richtig international! Sie sind in allen Gewässern weltweit heimisch. Besonders wohl fühlen sich Orcas allerdings in kälteren Gewässern und nicht in warmen Tropischen. Meist tummeln sich die Wale in Küstennähe. Auch in Europa sind sie heimisch: Obwohl es schon Sichtungen vor der italienischen Insel Elba gab, sind sie vor allem im nördlichen Europa anzutreffen – besonders vor Norwegen. Wie viele Schwertwale es weltweit gibt, ist unbekannt, da sie schwer zu erfassen sind.

Schwertwale sind Spitzenprädatoren, das heißt sie haben keine natürlichen Feinde in ihren Lebensräumen und stehen am Ende der Nahrungskette. Auch Orcas nehmen vermehrt Müll in der Nahrung auf. Denn leider landet immer mehr Plastikmüll in den Meeren. Dieser zersetzt sich nur in Kleinstteile und verbleibt dort Jahrhunderte lang! Diese Verschmutzung setzt allen Meeresbewohnern stark zu.

Innige Gemeinschaft

Die Soziale Struktur der Orcas ist sehr komplex. Die engsten Familienmitglieder bilden eine „Mutterlinie“. Diese besteht aus meist einer älteren Kuh, teilweise Schwestern, den Kälbern und den Kälbern der Töchter. Die männlichen Nachkommen wechseln manchmal zu einer anderen Mutterlinie oder ziehen übergangsweise als Einzelgänger umher. Der Mutterlinie übergeordnet fungiert die „Schule“. In dieser schließen sich manchmal nah verwandte Mutterlinien zusammen. Auch wenn sie einige Monate getrennt sind, erkennen sie sich einander. Verwandte Schulen bilden einen „Klan“. Sie stammen alle aus der gleichen Mutterlinie ab und verlauten alle den gleichen Dialekt. Am Ende steht die „Gemeinschaft“. Zu dieser gehören alle Tiere der regionalen Klans. Gemeinschaften zeichnen sich besonders durch ihr Vorkommen in einer Region, ihre bevorzugten Beutetiere und ihr Verhalten ab. Die Verbunde sind alle matriarchistisch aufgebaut, das bedeutet, dass ein weibliches Tier den sozial höchsten Status genießt und die Gruppen anleitet.

Die Tiere der Mutterlinien trennen sich nie freiwillig. Schwertwale einer Linie entwickeln spezielle Lautäußerungen und geben auch ihr Jagdverhalten an die Jungtiere der Gruppe weiter. Geht ein Tier der Gruppe verloren verharrt es an Ort und Stelle. Dort ruft es die Familienmitglieder mit einem bestimmten Hilferuf, welcher bis zu sechs Kilometer weit zu hören ist. Die anderen Tiere folgen den Rufen.

Stragetische Jäger_innen

Orcas zählen aufgrund ihres Gebisses zu den Zahnwalen. Daran lässt sich auch erkennen, dass sie keine Pflanzenfresser,  sondern Fleischfresser sind. Zu ihrer Beute zählen Fisch, Vögel und Säugetiere wie Robben und sogar andere Wale! Ihr geschicktes Jagdverhalten hat ihnen den Spitznamen „Killerwal“ eingebracht. Jedoch gehen sie nur auf Jagd, um sich zu ernähren.  Jede Gruppe hat ihre Nahrungsvorlieben:  Manche bevorzugen Fisch, andere haben Pinguine zu ihrer Leibspeise erkoren. Während des Beutezuges hilft die ganze Schule zusammen: Aufeinander abgestimmt haben sie ihre Methode perfektioniert und gehen gezielt und koordiniert vor. Orcas lassen sich teils an den Strand spülen um Robben zu jagen, mit ihren Schwanzflossen erzeugte Wellen schaukeln Pinguine von Eisschollen, kreisen mithilfe von Luftblasen Fischschwärme ein und erbeuten selbst Potwale, indem ein Schwertwal ihnen ihr Atemloch zudrückt und das Tier somit erstickt.

Gefahr Mensch

Weltweit müssen 61 Schwertwale in Gefangenschaft leben. Eingesperrt in kleinen Betonbecken vegetieren sie vor sich hin. Für die intelligenten und hochsensiblen Tiere ist dies eine einzige Qual! Obwohl in einigen Ländern, wie zum Beispiel Kanada, der Orca als bedrohte Tierart eingestuft wird, werden die Tiere noch in freier Wildbahn gefangen und an Delfinarien verkauft. Die Wildtiere müssen sich mit den neuen zufälligen Gruppenmitgliedern arrangieren, obwohl die Familienverbunde meist ein Leben lang bestehen bleiben. Die Tiere reagieren mit Verhaltensauffälligkeiten oder Aggressionen gegenüber den Artgenossen – und Menschen. Denn die Enge der Becken macht den Orcas zu schaffen. In freier Wildbahn legen Schwertwalgruppen bis zu 160 Kilometer zurück, in Gefangenschaft können sie nur trostlose Runden drehen. Immer wieder können Verletzungen festgestellt werden, die auf das Eingesperrt sein zurückzuführen ist, darunter tiefe Kratzer und abgebrochene Zähne. Ein sehr deutlicher Hilferuf geht von den männlichen Wildtieren aus: Es lässt sich beobachten, dass die Finne seitlich abknickt und sich nicht mehr aufstellt. Dies ist bisher nur bei Walen in Gefangenschaft beobachtet worden!

Sklav_innen der Manege

Jedes Jahr besuchen Millionen Menschen Delfinarien, um Schwertwale zu sehen. Der erste Orca wurde in den 1960er Jahren in Wildnis gefangen und ausgestellt. Die intelligenten Tiere, welche sich in einem Spiegel sogar selbst erkennen können und somit ein Ich-Bewusstsein haben, müssen Kunststücke erlernen und vorführen. Schwertwale sind allerdings auch in Gefangenschaft Wildtiere, dies darf nicht unterschätz werden. Immer wieder kommt es zu teils sogar tödlichen Unfällen der Tiertrainer_innen. Inzwischen sind über hundert Angriffe von gefangenen Orcas auf Menschen bekannt. In freier Wildbahn gibt es keinen einzigen dokumentieren Fall eines Angriffes von Schwertwalen auf Menschen.

Tilikum

Besondere Aufmerksamkeit auf die Meeressäuger in Gefangenschaft brachte Tilikum. Er wurde vor Island im Alter von circa zwei Jahren gefangen genommen. Seitdem verbrachte er über 30 Jahre sein Leben in verschiedenen Delfinarien, zuletzt in SeaWorld. 2013 wurde über ihn die Dokumentation „Blackfish“ veröffentlicht. In dieser wurde sein Leben in Gefangenschaft behandelt und Delfinarien sehr kritisch beleuchtet. Grund war sein Mitwirken am Tod von drei Menschen. Der Film zog so viel öffentliches Interesse mit sich, dass SeaWorld verkündete nicht mehr nachzüchten zu wollen. Die verbliebenen Tiere müssen allerdings noch ihr Leben weiterhin in kleinen Becken fristen und werden nicht in eine Auffangstation übergeben.

Hilfe für die großen Schwertwale

Jeder kann etwas zum Schutz der majestätischen Jäger beitragen: Boykottiert Delfinarien sowie Aquarien und besucht niemals eine Tiershow, um die Nachfrage kontinuierlich zu senken. Durch recycelbare Verpackungen und Plastikverzicht kannst du aktiv die Meere vor Vermüllung schützen. Informiert eure Freunde & Verwandte über das Leid der Schwertwale in Gefangenschaft auf und bittet sie ebenfalls niemals Unterhaltungsangebote mit diesen zu besuchen und auf ihren ökologischen Fußabdruck zu achten.


Pasquale

Pasquale

Solange ein Mensch nicht etwas entdeckt hat, für das er zu sterben bereit wäre, ist er auch nicht bereit zu leben. (Martin Luther King)
Pasquale

Sag was dazu

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht