Tierliebe unter der Lupe: Wo ist die Grenzlinie zu ziehen?

Kennt ihr diese großen, niedlichen – und manchmal zugegebenermaßen auch nervtötenden – Maskottchen, die in Fußgängerzonen in riesigen Tierkostümen rumlaufen und Flyer verteilen? Warum – mal abgesehen von jenen, die wohl einfach keinen besseren Job erwischt haben – tun sich Menschen so etwas an und zwängen sich regelmäßig zu Fasching und anderen Festlichkeiten in derartige Tierkostüme?

Bei vielen Tieren ist das Verkleiden und Imitieren Teil ihrer Überlebensstrategie: Sie locken damit Beute an, schützen sich vor Fressfeinden oder imponieren potentiellen Partner_innen. Das trifft ja aber schließlich nicht auf uns Menschen zu?

Warum verkleiden wir uns als Tiere?

Für Drei- bis Fünfjährigen ist es pädagogisch gesehen extrem wichtig, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, denn nur so lernen sie, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Expert_innen nennen diese Phase, in welcher sich die Kinder mit unendlichem Ernst mehrmals täglich in verschiedene Wesen verwandeln, die „magische Phase der Entwicklung“.

Erwachsene können nicht mehr so schnell in andere Rollen schlüpfen. Oder würden sich, wenn sie im Hasenkostüm im Büro erscheinen, schnell beim Vorgesetzten wiederfinden. Aber der Wunsch, mal jemand anderes zu sein, bleibt: Plüsch bei den Herren der Schöpfung ist seit Neuestem groß im Kommen, Känguru- und Elefant-Kostüme gefragt. Weil wir uns für ein bestimmtes Leben entscheiden, schließen wir gezwungenermaßen andere Dinge aus. Das Gefühl Ach – so wäre ich auch gerne geworden kennen bestimmt viele.

Menschen als Tiere, Tiere als Menschen. Das führt uns unweigerlich zu der Frage der Vermenschlichung. Selbstverständlich fühlen sich Tiere durch das Verkleiden zu Fasching nicht persönlich angegriffen oder beleidigt, doch ist es dennoch angebracht darüber nachzudenken, wo die Grenzlinie zu ziehen ist zwischen Tierliebe und Vermenschlichung.

Was verstehen wir überhaupt unter Vermenschlichung?

Wir Menschen servieren unseren Vierbeinern „Premiumfutter“ mit Kürbis, Preiselbeeren und Vollkornnudeln, stecken sie in Wintermäntel und süße Schühchen und feiern ihre Geburtstage. Hunde wundern sich dann möglicherweise, denn Kostüme, Jahrestage und Partys gehören nicht zu ihrem Lebenskonzept und sind für sie bedeutungslos. Aber wenn der Mensch sich freut, freut sich “sein” Hund.

Bei der „Vermenschlichung“ wird die positive Bedeutung des Wortes Mensch über Bord geworfen und durch einen überzogenen Egoismus ersetzt, der die Bedürfnisse des ihm anvertrauten Wesens ignoriert und zum Objekt seiner Wünsche macht (ob nun als modisches Accessoire, erstklassige/r Sportpartner_innen oder Kuscheltier). Mit anderen Worten bezeichnet sie also einen von Außenstehenden als unangemessen bewerteten Umgang eines Menschen mit seinem (Haus-)Tier.

Wenn es nicht mehr um das Tier, sondern nur noch um unsere eigenen Bedürfnisse geht, ist die Grenzlinie erreicht. Wo dieser Übergang aber liegt, ist – im wahrsten Sinne des Wortes – Auslegungssache. So betrachten es manche schon als verwerflich, wenn der Hund sich auf der Couch oder im Bett an seinen Menschen kuscheln darf. Mit der Katze wie mit seinem Kind oder Partner zu reden bzw. umzugehen gilt ebenfalls für viele als Zeichen dafür, dass mit dem Zusammenleben etwas nicht in Ordnung ist. Andere prangern einen antiautoritären Erziehungsstil als Ursache für mangelnde Sozialisation an.

Menschen vermenschlichen, Hunde verhundlichen

Was wir für unsere Lieblinge tun, sind im Grunde alles nur unschuldige Dinge, die damit zu tun haben, dass wir die, die wir lieben, eben gerne verwöhnen. Was kann daran schon falsch sein?

Eine der negativen Seiten der Vermenschlichung ist der Fehlschluss, das Tier würde absichtlich böse handeln und darum müsste es bestraft werden – weil es „Schuld“ hat. „Er weiß ganz genau, dass er das nicht darf“, hört mensch dann. Diese Menschen glauben tatsächlich, ihre Vierbeiner würden aus Trotz handeln und sehen sich darin bestätigt, dass es so aussieht, als habe der Hund ein schlechtes Gewissen. Eine Katze kann weder stur noch beleidigt sein: dabei handelt es sich um typisch menschliches Verhalten. Und ein Hund, der alleine gelassen wird, leidet unter Langeweile oder Verlustängsten und handelt nicht etwa aus Rache, wenn er aufgrund dessen ins Haus macht, Dinge zerkratzt oder heult. Wir nehmen es dem Nachbarshund persönlich übel, wenn er unseren Liebling anknurrt und neigen dazu, mit ihm wie mit einem Kind zu diskutieren.

Wir verwechseln unsere Haustiere mit uns selbst, messen sie nach menschlichem Maß und geben sie wieder ab, wenn sie unsere Erwartungen nicht erfüllen können: Die Zahl der Hunde, die umständehalber ein neues Zuhause suchen, ist hoch.

Aber haben wir überhaupt eine andere Wahl? Wohl kaum, wie schon der Philosoph Xenophanes um 500 vor Christus erkannte. Er stellte fest, dass Gläubige besser glauben konnten, wenn sie sich ihre Götter ähnlich wie Menschen vorstellen. Radikal betrachtet vermenschlichen auch wir von Göttern bis hin zum Käfer alles, weil wir eben nur als Menschen mit unserem menschlichen Gehirn denken und die Welt verstehen können. Wir beziehen unsere menschlichen Vorstellungen auf das Verhalten anderer Tiere genauso, wie auch Hunde uns verhundlichen.

Vermenschlichung kann auch ein großes Glück sein

Manchmal sehe ich in die dunklen, nachdenklichen Augen “meiner” Katze und erkenne in ihr mein besseres Selbst, meinen stillen Seelenverwandten. Diese Wahrnehmungsverschiebung hält ungefähr so lange an, bis sie mit einem Ausdruck der Begeisterung eine halb lebendige Maus mit herausguckenden Gedärmen vor die Haustür legt – dann fällt mir wieder ein, dass sie eine Katze ist.

Was ist das Gegenteil von Vermenschlichung? Die Versachlichung. Das hatten wir eine ganze Weile: Tiere haben keine Gefühle, sie sind Gegenstände und können nicht denken. Seit wir ihnen zugestehen, eine Seele zu haben, zu denken, zu fühlen und zu leiden wie wir, kümmern wir uns besser um sie. Seit wir sie als individuelle Persönlichkeiten mit einem Bewusstsein erkennen, übernehmen wir moralische Verantwortung. Deshalb ist es ein Glück, dass wir jetzt eine gewisse Vermenschlichung haben.

Es ist kein Problem, mit seinem Haustier zu sprechen (obwohl sie wohl genauso wie Menschen, aufhören zuzuhören, wenn wir sie ständig zutexten). Sie mögen begeistert gucken, aber in Wirklichkeit hören sie vor allem den Geräuschen zu, die wir machen. Sie reagieren auf unsere Körpersprache, Stimmlage und Ausstrahlung. Und wenn sie uns mögen, dann empfinden sie unsere Stimme als beruhigend. Hunde sind in der Lage Kommandos zur verstehen und zu wissen, dass sie etwas gut gemacht haben, wenn es ein Leckerli gibt. Also klar: ein gewisses Verständnis kann ihnen und manchen Tieren allemal nicht abgesprochen werden, doch die ganze Sache wird zum Problem, wenn wir überzeugt davon sind, unsere Tiere würden genauso denken wie wir.

Manche mögen sich jetzt fragen: Wen juckt es, ob meine Katze mehr Futternäpfe besitzt als ich Jeans oder ob mein Hund nun in seinem Körbchen oder neben mir auf der Couch liegt? Warum um solche scheinbaren Nichtigkeiten Gedanken machen, während weltweit unverhältnismäßig viel größeres Tierleid passiert?

Die Antwort darauf ist schnell gefunden:

Es geht um unser Grundverständnis, das wir gegenüber Tieren hegen. Gegenüber “unseren” Hunden und Katzen genauso wie alle anderen gegenüber, die Gefühle und eine Seele haben. Tierliebe sollte sich über die Liebe zur Tierwelt als solche manifestieren und nicht zu einem einzelnen Tier. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere “Haus”tiere nicht mehr lieb haben dürfen.

Viel eher ist ein Tierfreund nach dieser Logik nicht derjenige, der ein scheinbar verlassenes Babyvögelchen mit nach Hause nimmt, ohne ihn erstmal in aller Ruhe zu beobachten, um zu sehen ob dieser denn auch wirklich aus dem Nest gefallen ist. Ein Tierfreund ist vielmehr derjenige, der sich aktiv dafür einsetzt, dass 100 weitere Vögel eine bessere Chance haben, ihren Nachwuchs großzuziehen.

Utopisch? Sicher. Aber Utopien werfen immer ein interessantes Licht auf die Gegenwart, in der sie entstehen, und machen ein Umdenken allenfalls erst möglich.



Alina

Alina

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen. (Ernst R. Hauschka)
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