“Tierversuch…ung? Vorwärts in die Vergangenheit!” – Rede gegen Tierversuche / Tübingen, 18.12.16

Aufgrund der vielen Nachfragen, hier mein Redebeitrag zur 7. Großdemo gegen Tierversuche in Tübingen am vergangenen Sonntag, den 18. Dezember 2016, wo sich über 400 Menschen einfanden und mit einer Laufdemo und Mahnwache mit Kerzen, Bannern, Demoschildern, Tierkostümen und allerlei Kreativem ein Zeichen setzten, das auch wieder medial Aufmerksamkeit erregte. Die Redebeiträge sorgten für klare Worte, Infos und den richtigen Funken Hoffnung und Motivation. Ich freue mich, dass euch auch meine Rede wieder so gut gefallen hat und dass ich damit einige inspirieren konnte. Ihr dürft die Rede gerne teilen und nachreden. Ferner bedanke ich mich beim gesamten Team von SOKO Tierschutz für die Einladung und die Demo sowie bei allen, die gekommen sind und ein Zeichen gesetzt haben! Denn nur gemeinsam sind wir stark gegen die Tierversuchslobby in Forschung, Politik und Wirtschaft! Die Rede als Video findet ihr ab morgen in unserem Youtube-Channel und bei Facebook.

Vortrag zur Rede

Mein Name ist Viktor Gebhart und ich bin von der bundesweiten Tierrechtsorganisation ANIMALS UNITED.
Auch heute möchte ich wieder ein anderes Licht auf das Thema werfen als euch nur die neuesten Tierversuchszahlen angedeihen zu lassen, die ihr eh schon kennt oder besser nicht kennen wollt.
Ihr seid nicht hier, weil ihr noch nie von Tierversuchen gehört oder gelesen hättet.
Ganz im Gegenteil.
Ihr seid nicht die Hauptzielgruppe unserer Aufklärungsbemühungen.
Das wäre sinnfrei und inzestiös.
Dennoch oder gerade deswegen will ich versuchen, auch euch etwas mitzugeben…

Die Rede

Tierversuch. Tier. Versuch.

Bei einem Versuch geht es um das Ausprobieren.
Genauer um das Ausprobieren von mehreren Möglichkeiten.
Versuch und Irrtum also.
Auch hier in Tübingen liegen diese beiden Wörter ganz nah beieinander.
Denn hier herrscht der weitverbreitete Irrtum, Versuche an Tieren seien notwendig und nützlich.
Versuch als Irrtum also.
Kein Ausprobieren mehrerer Möglichkeiten sondern das Verharren im Alten.
Dabei ist Versuch und Irrtum eine Methode, Probleme zu lösen, indem mensch solange ausprobiert, bis die Lösung gefunden ist.
Immer wieder halbverdursteten Affen das Hirn aufzubohren, sie vor einen Bildschirm zu hocken und mit Trinken für richtiges Verhalten zu belohnen, liefert keine relevanten Hirnforschungsergebnisse, die es nicht längst weitaus besser und leichter in Untersuchungen mit Menschen gäbe.
Es wird keine Lösung gesucht, nur Probleme geschaffen.

Die Versuche sagen weniger etwas über das Hirn der Affen aus als über das der Forschenden.

Wie verkümmert müssen die für Emotionen und Mitgefühl zuständigen Areale in ihrem Gehirn sein.
Ich frage sie: Schämt ihr euch nicht für derart hirnfreie Hirnforschung?
Versuch und Irrtum ist bei vielen Tieren ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses.
Ob die ungezügelt Forschenden hier in Tübingen auch endlich mal dazulernen?
Versuche, Experimente. Sie sollen eine „Frage an die Natur“ stellen.
Was würde sie hier in Tübingen und in allen anderen Frankenstein-Laboren der Welt antworten?
Was würde sie zurückfragen?
Aus Ergebnissen von Experimenten sollen Erkenntnisse gewonnen werden, sie können gar Entdeckungen sein.
Tierversuchsbedingte Entdeckungen sind rar gesät.
Sinnfreie Grundlagenforschung an Affenhirnen liefert nur eine Erkenntnis.
Dass die Experimentator_innen ihr Logik- und Empathiezentrum dringend wieder entdecken müssen.
Denn sie wissen, was sie tun.

Versuche. Versu…..chung.

Versuchung scheint ein so viel passenderes Wort.
Versuchung ist laut Definition der starke Wunsch oder Anreiz, etwas zu tun, das mensch nicht tun sollte.
Etwas, das reizvoll erscheint, jedoch unzweckmäßig ist, einer sozialen Norm widerspricht bzw. verboten ist.
Wie passend.
Woher der Wunsch und worin der Anreiz liegt, hier in Tübingen und anderswo Wehrlose zu verletzten, zu malträtieren und zu töten, wissen wir und wissen die Täter_innen selbst.
Forschungsgeilheit, Profilneurose, Karrierewahn, Profitgier, Tradition, Gewohnheit und Machtstreben.
Versuchung besteht aber auch darin, dem Forschungsdrang Glauben zu schenken und ihn gewähren zu lassen.
Was so viele an so vielen Orten seit so langer Zeit tun, kann doch kaum falsch sein und schließlich wollen sie alle ja nur dem Menschen helfen.
So die gesellschaftliche Hoffnung und Selbsttäuschung.
Marketingbemühungen helfen.
So wie die der neuen „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“.
Eine schamfreie Lobbyinitiative, die mit einer bunt-fröhlichen Homepage höchst argumentationsarm und einseitig mittelalterliche Forschung promotet.
Und dabei Affenversuche als „unverzichtbar für den medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt“ vermarkten will.

Fortschritt?

„Vorwärts in die Vergangenheit“ wäre der Titel für den Film, den sie fahren.
Doch sie führen Unwissende und Unsichere gekonnt in Versuchung.
Die Verführungskünste anderer spielen eine entscheidende Rolle.
Anpreisen, Einsatz von Autorität, Erzeugen von Angst, Drohung von Verlust…all jene gehören dazu.
In Werbung, Marketing und Reklame ist Versuchung ein zentrales Thema.
Grundsätzlich und eben auch in Bezug auf Tierversuche.
Welch Wunder daher, dass unter den Selbsterklärten der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ auch der Name Max-Planck kein Fremder ist.
Versuchung. Die durch Versuchung begangenen Handlungen können anschließend Reue und Schuldgefühle auslösen.
So der definitorische Wortlaut.
Plagt euch euer Gewissen so sehr, dass ihr es mit bunt-fröhlichen Lobby-Homepages umschmeicheln müsst?
Braucht ihr die gebetsmühlenartigen Erklärungsversuche nicht vielleicht selbst viel mehr als die Leute, denen ihr sie anpreisen wollt?
Habt ihr denn nie Frankenstein gelesen und wisst, wohin falscher Ehrgeiz und blinder Enthusiasmus führen können?

Eine Frage, die auch wir uns stellen müssen.

Wir, die wir für Tiere und ihre Rechte kämpfen.
Denn auch wir müssen vor der eigenen Haustüre kehren.
Viel zu oft geben wir uns der Versuchung hin, das zu tun, was wir immer tun statt neue Wege zu beschreiten.
Tun wir das, was andere von uns erwarten statt das, was essentiell wäre.
Ertrinkt die Ratio in der Emotio statt beide gemeinsam sinnvoll fruchten zu lassen.
Vergessen wir ob der nichtmenschlichen Tiere die menschlichen Tiere.
Unsere Menschlichkeit.
Auch untereinander.

Wir werden nie Erfolge zeitigen, wenn wir uns selbst und gegenseitig im Weg stehen.

Wenn wir uns gegeneinander stellen statt in Hand in Hand nebeneinander zu stehen.
Gleichgesinnt mit allen Gleichdenkenden und -fühlenden, aber ohne bedingungslosen Schulterschluss mit allen.
Denn ein unreflektiertes „Hauptsache für die Tiere“ darf es nicht geben. Niemals.

Dies soll auch ein Appell sein.

Ein Appell an alle, die vergessen haben, warum wir heute hier stehen.
An all jene, deren Ego ihnen und uns allen im Weg steht – bewusst oder unbewusst, vorsätzlich oder unabsichtlich.
An all jene, die es gut meinen, aber damit nicht immer Gutes tun.
Die nur reagieren statt zu agieren.
Die sich und die interne Szene bespielen statt Externe aufzuklären.
Die sich in Scharen vordrängen und dabei den Unwissenden die Sicht versperren.
An all jene, die interne Grabenkämpfe austragen statt  Aufklärungssamen in die Welt zu streuen.
An all jene, die als Vierte Gossip über Dritte an Fünfte tragen und Flüsterpost spielen statt Wissen zu verbreiten.
An all jene, die Neid schüren statt mit eigenen Taten zu helfen.

Fokus.

Wir müssen das Ziel vor Augen haben.
Das Ziel ist ein Ende des Tierausbeutungssystems und im konkreten Fall von Tierversuchen.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir jene erreichen, die das System weiter dulden.
Wir können uns ein um das andere Mal zu hunderten, zu tausenden in einer Runde sammeln und uns selbst beweihräuchern, uns gegenseitig zuhören bei all dem, was wir eh schon wissen, aber viel zu viele da draußen noch nicht.
Diese Abertausenden müssen wir an unsere Seite holen und mit ihnen jene wenigen unter Druck setzen, die das System am Leben halten wollen, um Ruhm und Profit aus ihm zu schlagen.
Warum sollten Wirtschaft und Politik uns fürchten, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen.
Uns den niedersten Trieben hingeben und somit vielleicht anders, aber nicht viel besser sind als jene, deren Verhalten wir auch heute hier anprangern wollen.

Wir müssen eine Einheit sein.

Nur dann sind wir stark für die Schwachen.
Nur dann können wir laut genug die Stimme für die Stimmlosen sein.
Nur dann…
Und nur dann werden wir Tierversuche beenden.

Lasst es uns anpacken!
Ich danke euch.



In Käfige gesperrt, künstlich krank gemacht, vergiftet und verstrahlt, verbrannt und verbrüht, ertränkt, mit Elektroschocks gequält und in den Weltraum geschossen: Nur ein paar der grausamen Versuche, denen jährlich Millionen Kleintiere, Katzen, Hunde, Affen und andere Tiere ausgesetzt werden. Tierversuche sind kein nötiges Übel, dem wir unseren medizinischen Fortschritt verdanken – ein Irrglaube, denn viele der wichtigsten Errungenschaften im Gesundheitswesen sind Studien an Menschen zuzuschreiben. Tierversuche spielten hierbei keine Rolle. Hauptkritikpunkt ist die fehlende Übertragbarkeit auf den Menschen. Moderne tierversuchsfreie Forschung schützt besser vor Nebenwirkungen, ist effizienter, günstiger und rettet die Leben unzähliger unschuldiger Tiere! Informiert euch & andere!



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