Starker Kaltblüter oder sensibles Fluchttier? – Tod des Wiesn-Pferds Nico

Das größte Volksfest der Welt ist schon lange vorbei, jedoch bewirkte es langanhaltende Folgen. Der Trubel von Menschen und einer Menge Bier auf dem Oktoberfest überschattete ein mehr als dramatisches Ereignis: Im Sechsergespann, auf dem Weg zu den Stallungen der tiermedizinischen Fakultät der LMU, brach das Percheron Kutschpferd “Nico” auf offener Straße zusammen und starb. Wieso? Laut der Augustiner-Brauerei soll “Herz-Kreislauf-Versagen” dafür verantwortlich gewesen sein, aber auch ein “Riss der Hauptschlagader” wird in Betracht gezogen. Doch was waren die Ursachen dieser vermeintlichen Gründe?

Pferde auf dem Oktoberfest – wieso?

Auf der Wiesn hat jede vertretene Brauerei ihr eigenes Sechsergespann vor dem Zelt, d.h. bis zu 46 Pferde müssen ihre Tage im Trubel der Menschen fristen. Einst waren die Pferdegespanne zum Transport der Bierfässer unabdingbar, doch schon lange sind sie für diese Aufgabe überflüssig geworden. Was bleibt, ist lediglich ihre Präsenz als Symbol und nostalgische Erinnerung – ein nennenswerter Zweck ist das nicht. Die geschmückten Tiere stehen als “Accessoires” den ganzen Tag herum, um fotografiert zu werden und die Besucher_innen zu unterhalten. Gehören Tiere auf das Oktoberfest? Viele Stimmen sagen hierzu “Ja”. Doch steht “Tradition” über dem Wohl von sensiblen Lebewesen?

Nico – ein schwer zu ersetzendes Pferd

Baptist Falter Junior, der “Besitzer” der Augustiner-Pferde, empfindet den Tod des Tieres als tragischen Verlust, denn der 16 Jahre alte Nico laufe seit 13 Jahren vorne rechts an der Spitze des Gespanns und sei gerade deshalb schwer zu ersetzen. Für diese Position seien nämlich besonders ruhige Pferde vonnöten, die keineswegs schreckhaft sein dürften. Seine Pferde seien ständig unterwegs und würden für Feste aller Art “benötigt”. So waren sie dieses Jahr bereits auf der Landshuter Hochzeit, dem Gäubodenfest und der Cannstatter Wasen.

Tiefenentspannung im Gewimmel von Tausenden Menschen?

Die Ursache des Todes ist fraglich. Selbst wenn es nicht zu leugnen ist, dass ein spontaner Tod, auch bei besten Ausgangsbedingungen, eintreten kann, ist nicht auszuschließen, dass Nicos Zustand vom ständigen Stress beeinflusst wurde. Der Tod ist hierbei lediglich eine drastische Zuspitzung der herrschenden Zustände. Pferde, egal ob kräftig oder zierlich, sind sensible Fluchttiere, für die das Gewimmel auf dem Oktoberfest immensen Stress bedeutet.

Stress für Pferde, wieso denn?

Inmitten von tausenden lauten Menschen, bestückt mit Schmuck und Glöckchen, die bei jeder Bewegung klingeln, umgeben von lauter Musik – keine_r kann leugnen, dass eine derartige Situation eine Reizüberflutung für sich selbst darstellt. Versucht mensch sich insbesondere in das Fluchttier Pferd hineinzuversetzen, wird klar, dass eine derartige Masse an Reizen Stress und allgemeines Unwohlsein bedeuten muss. Der Hormonhaushalt der Pferde sorgt dafür, dass sie in Gefahrensituationen genügend Energie zur Flucht bereitstellen. Sind sie permanent unter Stress, gerät dieser durcheinander und der gesamte Organismus wird zum Leidtragenden. Dass “Halter_innen” und Kutscher_innen sich der Schreckhaftigkeit der Tiere bewusst sind, zeigt eine auf den ersten Blick banal klingende Tatsache: Pferde tragen Scheuklappen. Diese schränken das Sichtfeld der Tiere ein und beugen somit vor, dass sie abgelenkt werden und scheuen. Folglich sind Scheuklappen nur Behandlung eines Symptoms, die Ursache bleibt: eine für das Tier unsichere und angsterregende Gesamtsituation.

Cortisol-Tests sind die Antwort, oder?

Einige behaupten, dass die Tiere keineswegs gestresst seien, Hormonmessungen sollen das bestätigen. Unabhängig davon, dass derartige Tests wenig sinnvoll erscheinen, da die Tiere vermutlich einen grundsätzlich hohen Cortisol-Wert aufgrund der dauerhaften Stressbelastung haben und somit hier keine Wertspitzen auszumachen sind, bleibt die viel spannendere Frage: Hat die Messung eines einzelnen Hormons nennenswerte Aussagekraft gegenüber den komplexen Prozessen, die im Gehirn eines jeden Tieres ablaufen? Das Auffassen von Stress und Unwohlsein hat zahlreiche Facetten, die wohl kaum in einem einfachen Test nachgewiesen oder negiert werden könnten. Selbst wenn mensch von der Untersuchungsmethode überzeugt ist, kann eine gewisse Unsicherheit nicht geleugnet werden – alleine diese Unsicherheit, deren Nichtbeachtung Angst und Stress für das Tier bedeutet, sollte Grund genug dafür sein, Pferde vom Oktoberfest fernzuhalten und diese sinnlose “Tradition” endlich Geschichte werden zu lassen.

Was ihr tun könnt

  • Boykottiert Kutschfahrten und Veranstaltungen, die Pferde als “Deko” verwenden!
  • Überprüft den Zustand der Tiere und erhebt die Stimme, wenn er kritisch ist! Holt euch Rat ein, wenn ihr unsicher seid!
  • Dokumentiert und meldet Missstände!
  • Schreibt den zuständigen Veranstalter_innen und tut eure Meinung kund!
  • Informiert euch und andere!


Laura

Laura

"Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?" (George Bernard Shaw)
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