Über Gedanken und Gefühle der Fische | #2 Als Meeresbiologin in Thailand

Kaum eine Tiergruppe hat es heutzutage so schwer wie die Fische. Seen, Flüsse und Meere sind durch Abwasser und Müll verschmutzt, und die weltweite Überfischung hat in den letzten Jahren zur Ausrottung vieler Arten geführt. Während sich andere „Nutztiere“ wie Kuh und Schwein immer grösserer Beliebtheit erfreuen (und das nicht als Steak auf unseren Tellern), werden Fische selbst von vielen Vegetarier_innen nicht als „richtige Tiere“ angesehen und weiterhin gegessen. Aber warum ist das so? Sind Fische etwa weniger liebenswürdig als andere Tiere? Empfinden sie Gefühle? Wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig: Fische fühlen und denken.

Auch Fische sind Tiere

Kulinarisch werden Fische nicht immer zu den Tieren gerechnet, wie schon das traditionelle christliche Freitagsmahl zeigt: es wird gefastet, also kommt Fisch auf den Tisch. Fische sind schließlich nicht warmblütig und haben daher kein richtiges Fleisch. Somit trennen wir moralisch Fische von anderen Tieren. Das größte Pech der Fische ist wohl ihr stetig gleichbleibender Gesichtsausdruck: während bei Kuh & Co. Qual und Panik relativ eindeutig erkennbar ist, bleibt die Mimik eines Fisches unverändert, selbst mit Angelhaken im Auge. Man stelle sich vor, hunderte von Schweinen würden in einem großen Netz gefangen und anschließend im nächsten Weiher ertränkt. Solcherart gewonnenes Fleisch wäre nicht nur unverkäuflich, sondern würde sogar gegen mehrere Gesetze verstoßen. Und bei Fischen? Sie werden genauso gefangen und ersticken qualvoll an Land. Darüber regt sich jedoch kaum jemand auf. Wird von Fischerei gesprochen, hängt das meist nur mit Entnahmemengen zusammen, nicht mit tierschutzwidrigen Praktiken. Es wird also Zeit, sich für diese Tiergruppe einzusetzen.

Empfinden Fische Schmerz?

Dass Fische Schmerz empfinden können, ist inzwischen durch zahlreiche Studien belegt. Ein Angelhaken, der sich durch Mund und Auge bohrt, empfinden Fische genauso wie andere Wirbeltiere: sehr schmerzhaft. Aber haben sie auch ein Bewusstsein dafür? Untersuchungen an der Queens University in Belfast zeigten, dass Signale nicht nur ins Rückenmark (reine Reflexe), sondern auch ins Gehirn geleitet werden, wo sie ein Schmerzecho erzeugen. Auch ein Lernvermögen konnten die Wissenschaftler nachweisen: sie statteten Fische im Aquarium mit Elektroden aus, die in einer bestimmten Ecke des Aquariums Stromstösse abgaben. Die Fische lernten, diese Ecke zu meiden. Offensichtlich konnten sie sich an den Schmerz erinnern.

Soziale Netzwerke unter Wasser

Doch damit nicht genug. Zusammen mit Wissenschaftlern der UCLA untersuchen wir seit einigen Jahren das Sozialverhalten herbivorer Fische in den Korallenriffen vor Koh Phangan. Unsere Beobachtungen lassen darauf schließen, dass Fische sich nachahmen, um das Risiko, gefressen zu werden, so gering zu möglich zu halten. Halten sich viele verschiedene Fische rund um eine Futterquelle auf, ist die Chance grösser, dass noch mehr Fische diesen voll gedeckten Tisch nutzen. Wird eine Futterquelle jedoch weniger genutzt, da die Fischbestände durch Überfischung niedrig sind, trauen sich auch die übrigen Fische nicht in diese Region. Dieses Muster führt zu Algendominanz in Korallenriffen und somit zum Absterben der Korallen. Eine gesunde und vielfältige Fischpopulation spielt also eine entscheidende Rolle bei Schutz und Erhalt von Korallenriffen.

Was können wir tun?

Inzwischen gibt es unzählige „Nachhaltigkeitssiegel“ für Fischprodukte, die „nachhaltige“ Fangmethoden zum Schutz des Ökosystems versprechen. Bei genauerem Hinsehen sind die Standards dieser Siegel jedoch schwammig und die Unternehmen hinter den Siegeln käuflich. Erst vor wenigen Wochen deckte die ARD auf, dass das bekannte MSC-Siegel auch an Fischereien vergeben wird, die sowohl in überfischten Gewässern fischen, als auch Grundschleppnetze und andere zerstörerische Fangmethoden nutzen. Ein weiteres Siegel also, das vielleicht die Gewissensbisse des Verbrauchers verringert, für Natur und Tierschutz jedoch verheerend ist. Auch angesichts der extremen Verschmutzung der Gewässer, aus denen Fisch für unseren Konsum stammt, sollte man sich überlegen, ob Fisch auf dem eigenen Teller wirklich noch sein muss. Auch Algen schmecken nach Fisch, sind allerdings viel gesünder, und wir haben noch massenhaft davon! 🙂

Auch wenn man Fischen Ihre Gefühle nicht so sehr ansehen kann, wie anderen Tieren: für die ist der Tod genauso qualvoll wie für Kuh, Schwein und Huhn. Es wird also höchste Zeit, dieser Tiergruppe den Schutz und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient hat!



Susanne

Susanne

Die Grösse und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt. (Mahatma Gandhi)
Susanne

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