Über unsere “soziopathische” Gesellschaft

Während wir Milch aus Massentierhaltung kaufen, behaupten wir, Umweltschutz läge uns am Herzen. Während wir im Zoo verhaltensgestörte Tiere begaffen, behaupten wir, wir wären für “Artenschutz”. Während wir uns regelmäßig Klamotten aus Sweatshops kaufen, behaupten wir, wir wären gegen Ausbeutung. Während wir unser Schnitzel vom “Bauern nebenan” “genießen”, behaupten wir, wir wären für “Tierschutz”. Während wir unsere, aus der Zucht gekaufte, französische Bulldogge streicheln, behaupten wir, wir wären tierlieb.

Unsere Gesellschaft agiert zutiefst absurd, Widersprüche werden nicht hinterfragt, sondern ohne Bedenken ignoriert. Daran gemessen, welchen Schaden unser Handeln auslöst, liegt es nicht fern, unserer Gesellschaft einen gewissen pathologischen Charakter zuzuschreiben. Leiden wir unter einer kollektiven dissozialen Persönlichkeitsstörung?

Der Konsumideologie liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.

– Erich Fromm, Haben oder Sein

Die Diagnose lautet: dissoziale Persönlichkeitsstörung.

Gemäß der internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) lassen sich folgende Merkmale auf unsere Gesellschaft übertragen:

> Herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer

Schon seit Jahren kommen regelmäßig investigative Recherchen ans Tageslicht, die deutlich zeigen: Massive Missstände und Tierquälerei sind in Milch-, Lege-, und Mastbetrieben keine Ausnahme, sondern trauriger Alltag. Jedem_jeder ist Videomaterial dieser Art zugänglich, egal ob via Internet oder Fernsehen. Kaum jemand weiß nicht, wie es in Schlachthäusern zugeht. Jede_r sollte gesehen haben, welches Leid nichtmenschliche Tiere für unsere Zwecke ertragen müssen; dass Tiere mit Gefühlen und Bedürfnissen auf barbarischste Weise ausgebeutet werden. Trotzdem werden bedenkenlos tierische Produkte konsumiert. Dass Gewohnheiten nicht geändert werden, kann nur auf Verdrängung oder auf mangelndes Empathievermögen zurückzuführen sein – dieser Umstand gilt nicht nur für den Käufer vom 1,50 €-Steak im Penny, sondern auch für den “Flexitarier”, der “nur selten Fleisch isst” und wenn doch, dann nur “bio”.

> Deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung

Unser scheinbar fehlendes Empathievermögen resultiert direkt in maßloser Verantwortungslosigkeit, denn wir lassen die tagtägliche Gewalt nicht nur tatenlos geschehen, sondern tragen einen aktiven Teil zum Erhalt dieser bei. Jeden Tag, egal ob beim Supermarkteinkauf, beim Imbiss um die Ecke oder im Restaurant, manifestieren wir mit dem Konsum “tierischer Produkte” unsere verantwortungslose Haltung.

> Fehlendes Schuldbewusstsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen

Fleisch, Milch & Co. sind für uns alltägliche “Produkte”, die wir “schon immer” konsumiert haben. Wieso sollte mensch sich schuldig fühlen, für etwas, das Normalität zu sein scheint? Nur weil der Konsum tierischer Produkte angeblich schon seit langem Teil unseres Alltages ist, schließt das keine schädigende Wirkung unseres Verhaltens aus. Die Realität sieht sogar viel drastischer aus:

Unser langanhaltender Konsum von Tieren trägt schon seit Jahrzehnten einen bedrohlichen Teil zur Zerstörung unserer Umwelt bei. Vier Fünftel der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen werden für die “Nutztierhaltung” benötigt. Dank der bei uns ansässigen “Intensivtierhaltung” müssen folglich auch tropische Regenwälder den Monokulturen weichen, die zur Ernährung der zahllosen Tiere notwendig sind. Der Wirkungsgrad dieses “Veredelungs”prozesses ist äußerst gering – würden die Pflanzen nachhaltig angebaut und direkt an Menschen weitergegeben, so könnte global dem Hunger entgegengewirkt werden. Außerdem belastet die tierische Landwirtschaft unsere Böden mit Nitrat, verschmutzt Wasser und verschwendet die Lebensgrundlage allen Lebens.

Die bereits weit fortgeschrittene Klimaerwärmung oder der Verlust riesiger Regenwaldflächen sollten bereits “Strafe” genug für uns sein, doch wir scheinen aus diesen “negativen Erfahrungen” nichts zu lernen.

> Deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten

Kommt beim Treffen mit Freund_innen oder Familie das Thema “Ernährung” auf den Tisch, ist wohl oft mit beschuldigenden Ausrufen, wie “Veganismus ist eine Ideologie” oder “Ihr Veganer wollt mir den Hackbraten verbieten“, zu rechnen. Der Versuch, sachlich über die Thematik mit “eingefleischten Omnivor_innen” zu sprechen, schlägt daher leider allzu oft fehl. Ist das Gegenüber nicht derartig leicht gereizt und ein offenkundig vernunftbegabter Mensch, so sind trotzdem “plausible Rationalisierungen” an der Tagesordnung. Der Konsum tierischer Lebensmittel wird mit Pseudoargumenten, wie “Fressen und gefressen werden” oder “Tiere aus guter Haltung kann man essen” legitimiert. So einfach wird die eigene Verantwortung als moralisches Subjekt annuliert.

Emanzipation von der “Krankheit”

Im Gegensatz zum soziopathischen Individuum im klassischen psychatrischen Sinne, haben wir als Teil der pathologischen Gesellschaft die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und selbst aus unseren pathologischen Verhaltensweisen auszubrechen. Wir sind sehr wohl schuldfähig und haben das Potential, unsere Gesellschaft von der Absurdität zu befreien – für eine verantwortungsbewusste Zukunft; für Tierrechte, für uns, für den Planeten.

[Den aufmerksamen Leser_innen mag aufgefallen sein, dass in der Argumentation Soziopathie und dissoziale Persönlichkeitsstörung als Synonyme verwendet werden. Dieser Umstand ist lediglich der besseren Lesbarkeit der Überschriften geschuldet. Ferner können die Merkmale der dissozialen Störung auf alle Bereiche angewandt werden – nicht nur auf die Ernährung.]



Laura

Laura

"Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?" (George Bernard Shaw)
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