Vogelsbergkreis: 250 Bürger werden zu Hobbymördern

Im Vogelsbergkreis gibt es einen Fallenlehrgang für Bürger_innen, die gern “Hobbyjäger_in” spielen und Waschbären fangen möchten. Und das völlig legal. Einzige Voraussetzung ist eine Teilnahme an einem anerkannten Ausbildungslehrgang für die Fangjagd von Füchsen, Waschbären und Co. Und den haben bereits über 250 Menschen besucht. Eine Perversion, die sich hinter dem Wort “Schädlingsbekämpfung” verstecken will.

Freischein für Hobbymörder_innen

Waschbären gelten als “Schädlinge”, da sie Schäden an und in Häusern und Gärten verursachen sollen und auch Geflügel”halter_innen” und Imker_innen sind besorgt. Denn: Waschbären “gehören” niemandem, daher übernimmt auch niemand die Haftung für mögliche Schäden. Da aber innerhalb von geschlossenen Ortschaften nicht gejagt werden darf, werden bereits seit 2007 die von der Jägervereinigung Lauterbach angeregten Sachkundelehrgänge angeboten. Da der Großteil der Teilnehmer_innen aber keinen Jagdschein besitzt, muss die Tötung des gefangenen und somit schutzlos ausgelieferten Tieres von einer_einem Jagdscheininhaber_in ausgeführt werden. Wie oder ob überprüft wird, ob sich auch jede_r daran hält, der ein Tier gefangen hat, bleibt unklar. Zwar werden die Revierinhaber_innen aufgrund der angeblich notwendigen Regulierung dieser Tierarten gebeten, die Fallensteller_innen zu unterstützen, doch wie lange das arme Tier in der Falle festsitzt bis die_der gerufene Mörder_in vor Ort eintrifft, ist fraglich.

Jedem gefangenen Waschbär folgt ein neuer

Dabei konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass Waschbären tatsächlich Schäden an Niederwild oder Jungvögeln anrichten, wie es in Jagdkreisen behauptet wird. Die Bejagung führt auch nicht zu einem Rückgang der Art, sondern verstärkt die Reproduktion und somit die Ausbreitungsgeschwindigkeit. Der Grund dafür ist ganz einfach: Wenn eine Art sich einmal ausgebreitet hat und die Population stark gestiegen ist, erreicht sie irgendwann einen Punkt, an dem alle Reviere besetzt sind. Danach vermehrt sich die Art nur noch sehr gering weiter. Kommt nun der Mensch an und erschießt Tiere, vermehren sich diese wieder stärker, da schließlich wieder Platz vorhanden ist. So befindet sich die Tierart wieder in ihrer stärksten Vermehrungsphase. Das Ergebnis: Es gibt eher mehr als weniger Tiere. Das gilt für viele Tierarten, auch für den Waschbär. Wenn nun also eine_r der Hausbesitzer_innen einen Waschbär in einer Falle fängt und ihn umbringen lässt, wird kurz darauf ein neuer Waschbär nachrücken und das frei gewordene Revier für sich beanspruchen. Somit bringt die Jagd auf die Waschbären rein gar nichts. Sie verursacht nur unsägliches Leid für die Tiere, die stunden-, wenn nicht sogar tagelang, verzweifelt versuchen, sich aus der Falle zu befreien, bis sie schließlich getötet werden. Und das völlig sinnfrei.

Vorbeugen statt Spaß am Töten

Deutlich effektiver ist es, Haus und Garten so unattraktiv wie möglich für die Waschbären zu gestalten, um sie fern zu halten. So können die Menschen in den betroffenen Gebieten darauf achten, den Kompost immer abzudecken und die Mülleimer fest zu verschließen. Auch sollte Unrat, wie Sperrmüll oder Baumaterial, nicht im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon gelagert werden, da dieser für Waschbären als Unterschlupf dienen kann. Zudem werden gerne Gartenhäuser, Garagen, verlassene Gebäude, Dachböden und Karminschächte als Schlaf- oder Wurfplatz genutzt. Auch wenn Rank-und Kletterpflanzen einige Vorteile bieten, so können Waschbären an ihnen hochklettern und so ins Haus gelangen. Grundsätzlich sollten alle Äste von Bäumen, die an das Haus heranragen, gestutzt werden.

Fallobst und extra ausgelegtes Futter locken die Tiere ebenfalls an. Um den Dachstuhl vor den ungebetenen Gästen zu schützen, kann auch unterhalb des Daches ein Stromzaun nach dem Prinzip eines Weidezauns gespannt werden. Das ist zwar nicht angenehm für die Waschbären, aber sicher besser als sie gleich umzubringen! Gewiss sind diese Maßnahmen mit einem gewissen Zeitaufwand und Kosten verbunden. Und für manch eine_n sind sie vermutlich bei weitem nicht so “spannend”, wie dem Steinzeitmenschen im Inneren zu folgen und auf Waschbärenjagd zu gehen. Aber sie lohnen sich. Denn Jagd ist nichts anderes als Spaß am Töten.

Jagd stört die Natur

Im Allgemeinen bringt die Jagd auf Tiere deren natürlichen Verhaltensweisen völlig durcheinander. Durch das Eingreifen der Jäger_innen in das sensible Gleichgewicht der Natur entsteht ein Ungleichgewicht, durch welches sich Ersteres nur sehr schwer wieder herstellen lässt. Teilweise passen die Tiere auch ihr Verhalten an. Durch die Bejagung werden sie sehr scheu, ändern Ihren Aufenthaltsraum. So ziehen sich Rehe und Rotwild in die Wälder zurück, um Schutz zu finden. Normalerweise würden sie offene Flächen bevorzugen, was kaum jemand noch weiß. Sie vergrößern ihre Fluchtdistanz oder werden nachtaktiv. So jagen Füchse nur noch in der Dämmerung und nachts, obwohl sie sich unbejagt durchaus auch gerne mal sonnen. Die Lebenserwartung vieler Tierarten geht stark zurück, da sie bereits als Jungtiere erschossen werden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bürger_innen aus dem Vogelsbergkreis und anderen Regionen endlich zur Vernunft kommen und sich für echte und somit friedliche Lösungen entscheiden. Denn die Tiere machen das keineswegs, um uns zu ärgern. Wir sind es, die ihren natürlichen Lebensraum immer mehr einschränken und ihnen zeitgleich Gelegenheiten bieten, die sie gerne nutzen. Wir sind nun mal nicht allein auf dieser Erde und sie gehört uns auch nicht, auch wenn viele das wohl denken mögen. Es ist an der Zeit, mehr Mitgefühl zu zeigen, denn Waschbären sind absolut keine Schädlinge, sondern Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen wie wir!



Sandra

Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt. (Christian Morgenstern)
Sandra

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