Von lila Kühen und bunten Eiern – Verquere Kinderbuchromantik für Fünfjährige

Es war einmal eine Erde voller Menschen. Kein einziges Tier bevölkerte den Planeten. Bis eines Tages zum großen Erstaunen der Leute – huch! – ein riesiges Ufo auf einer Wiese landete. Die Luke öffnete sich und vom Vorschein kamen unzählige Tiere! Die Menschen waren sehr überrascht, denn sie wussten natürlich nicht, mit wem sie es da zu tun hatten. Für sie waren die Tiere etwas Neues und Unbekanntes.

Würden wir heute wie damals – vorausgesetzt wir hätten noch nie Schweine, Kühe und Hühner gesehen – Krebsmäuse züchten, frisch geschlüpfte Küken von ihren Müttern trennen und schreddern, uns Schürzen umbinden, Stiefel anziehen und den Tieren in engen Fluren mit Waffen auflauern? Das Rückenmark von Affen durchtrennen und Schweine im Schnee vergraben, um über Bildschirme und Sensoren nachzuvollziehen, wie lange sie überleben? Mit gegerbten Tierhäuten überzogene Möbel designen und unsere Schultern mit Tierfell schmücken? Würden wir Chemikalien in Kaninchenaugen sprühen? Mit Freude daran teilhaben, wie Bären in der Manege zum Tanzen und Löwen zum Sprung durch brennende Reifen gezwungen werden?
Mit anderen Worten: Könnten und würden unsere Kinder es besser machen als wir es bisher getan haben?

Erziehung als Schlüssel zu einer besseren Welt?

Um dies zu beantworten, werfen wir doch mal einen Blick darauf, wovon die Beantwortung am ehesten abhängt: Unsere Erziehung. Und hierbei fängt das Problem eigentlich schon an, denn: unsere Kindererziehung vertritt nicht wirklich eine eindeutige Haltung gegenüber den Tieren. Die meisten Erwachsenen geben ihrem Nachwuchs schon sehr früh Fleisch zu essen, ohne dass diese überhaupt wissen können, dass ihr Schnitzel einst ein fühlendes Lebewesen mit einem Schmerzempfinden war. Gleichzeitig wird den Kleinen aber beigebracht, sie sollten einen rücksichtsvollen und liebevollen Umgang mit Tieren pflegen.

Die Eltern zeigen ihnen, kaum dass sie den Kopf aufrecht halten und laufen können, das Kinderbuch „Der Regenbogenfisch”, in dem das Tier als leidensfähiges moralisches Subjekt fungiert. Kurz darauf aber legen sie ihnen das gleiche – nun unkenntlich gemachte – Lebewesen als Fischstäbchen auf den Teller: von einem faszinierenden Wesen mit einer uns fremden Lebensweise zu einem instrumentalisierten Objekt voller Ketchup innerhalb von Sekunden.

Die diversen Schubladen, in die wir Tiere stecken, können gerade für Kinder irritierend und erschütternd wirken. Denn die Verfügung des Menschen über Tiere ist nichts Banales, sondern in diesem Ausmaß nur mit organisierter, eingeübter und traditioneller Gewaltanwendung vereinbar.

Kinderbücher – Wo Bauern noch richtig wichtig sind

Petterson und Findus, kleiner roter Traktor, Shaun das Schaf – Bauernhöfe sind in Kinderbüchern als Heile-Welt-Version omnipräsent: Das Huhn spaziert glücklich durch die friedvolle, schillernde Welt der gebastelten Kinderbuchidylle und hinterlässt hier und dort ein Ei. Abends kommt es in den sicheren Hühnerstall, damit der Fuchs es nicht fressen kann. Warum gaukeln wir unseren Kindern ein Landleben vor, das in dieser Form gar nicht existiert? Die Wirklichkeit eignet sich nicht für Kinderohren. Dass sich aber daraus ein völlig falsches Weltbild entwickelt, da sie das, was sie sehen als Wirklichkeit verstehen, erscheint dabei nachrangig.

“Papa, was ist Schlachten?” Schnell landet mensch beim Thema Fleischkonsum, bei Fragen der Tier”haltung”. Und dabei, dass Bauernhöfe meist keine Abenteuerspielplätze sind, sondern Fleischfabriken. Als industrieller, genormter Organismus produziert das Huhn Eier und Fleisch und lebt nicht in seiner kleinen Hühnerfamilie, sondern inmitten von hunderttausenden anderen Hühnern. Ein wildes Huhn würde acht bis zwölf Eier jährlich legen, Legehybriden müssen es auf 300 Eier bringen. Diese Ausführungen könnte mensch stundenlang in immer düstere Details so weiterführen und ausweiten.

Die Tatsachen zurecht rücken

Immer wieder werden Kinderbücher für diese Idealisierung kritisiert. Aber natürlich kann es Eltern andererseits nicht verübelt werden, wenn sie versuchen ihre Kleinkinder vor den Grausamkeiten der Realität abzuschirmen. Einem Dreijährigen müssen die qualvollen Seiten der Intensivtierhaltung vielleicht auch noch nicht unbedingt vor Augen geführt werden. Sie lernen die wirkliche Welt meist noch früh genug kennen.

Es ist allerdings wichtig, Kindern nicht zu verheimlichen, wo das Stück Fleisch, das sie essen, herkommt und dass die Tiere dort unter ziemlich unfreundlichen Bedingungen leben müssen. Es sollte ihnen beigebracht werden, einen gewissen Respekt vor “Nahrungsmitteln” zu haben und daher am besten vollständig auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten.

Was denken die Kinder selbst darüber?

Doch wie sieht es in den Kindern selbst aus? Fest steht: Kinder stoßen meist von selbst auf die offensichtlichen Widersprüche im menschlichen Umgang mit Tieren. Sie beobachten, dass Tiere einerseits nur dafür geboren werden, um später zu Lebensmitteln umgewandelt zu werden und andererseits neben uns im Bett liegen dürfen und Streicheleinheiten bekommen. Warum in Frage stellen, was Mama und Papa sagen? So akzeptieren sie tote Tiere auf dem Familientisch als etwas vollkommen “Normales”.
Die Widersprüche, die Kinder in unserem Umgang mit Tieren erleben, lösen sich beim Älterwerden nicht einfach auf, aber verlieren an Gewicht: sie werden “normal”. Erwachsen werden heißt: Widersprüche akzeptieren.

Es geht auch anders

Aber es geht auch anders: Kindersachbücher bemühen sich um eine naturgetreuere Darstellung. So wurde “Alles über den Bauernhof” aus der “Wieso-Weshalb-Warum”-Reihe von Ravensburger von Landwirt_innen für seinen Realismus gelobt. Dass es in den Schlachthöfen und Mastbetrieben nicht so kuschelig zugeht wie bei Pettersson und Findus, wird hier durch die Präsentation von Melkroboter und Großanlagen deutlich.

Kann eine Antwort auf die Frage gefunden werden?

Würden wir Tiere genauso behandeln, wie wir es zeitlebens tun, wenn wir noch nie eins getroffen hätten und sie neu kennen lernen würden?

Fest steht: Tierquälerei und seelische Grausamkeit gegen Tiere sind keine Tradition und erst recht kein kulturelles Gut. Es sind  Verhaltensweisen, die sich durch gedankenlose Gewöhnung leider irgendwann durchzusetzen verstanden haben.

Daher könnte die Antwort auf die anfängliche Frage – unter guten Bedingungen – durchaus Nein lauten! Denn Kinder imitieren nicht nur, sondern machen auch ihre eigenen Erfahrungen, die Vorgelebtes und Vorgedeutetes zu konkurrieren vermögen und neue Verhaltensweisen zulassen. Und wer weiß, ob sich diese nicht eines Tages zu neuen Herangehensweisen festigen?
Das alte Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ lässt sich glücklicherweise nicht verallgemeinern. Es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern so früh wie möglich einen respektvollen Umgang mit Tier und Natur beizubringen – und das möglichst widerspruchfrei.

Offen bleibt die Frage, warum wir uns in unserem wirklichen Leben nicht daran orientieren, was uns in der Welt der Kinderbücher sympathisch erscheint. An einem lebensfrohen, selbstbestimmten Leben sozialer Lebewesen? Und zwar im Alltag und nicht bloß in der Fiktion?



Alina

Alina

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen. (Ernst R. Hauschka)
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