Warum ich meine Zeit lieber Tierrechten als der WM widme

Wie alle 4 Jahre ist es auch dieses Jahr wieder soweit: Kaum hat die Weltmeisterschaft begonnen, kaum beginnen wieder einige Fußballer gemeinsam mit Spielern anderer Länder auf einem 105 x 68m großen Rasen umherzulaufen, schon sind wieder alle im Fußballfieber. Selbst diejenigen, die sich sonst kaum mit dem gehypten Sport auskennen und bei denen sich die Kenntnisse über die Spielregeln auf „2 Mannschaften spielen gegeneinander und es geht darum, möglichst viele Tore zu schießen“ begrenzen, darf nun kein Spiel der deutschen Elf verpasst werden. Natürlich dürfen auch das entsprechende Fan-Trikot, die Deutsche Fahne auf der Wange und schwarz-rot-gelbe Plastik-Hawaiiblumenkränze nicht fehlen. Auch die Fähnchen für die Autos sind ein Muss, um – sofern das Spiel gewonnen wurde – mit dem geschmückten Wagen wahllos hupend mit unzähligen anderen Mitmenschen durch die Stadt zu sausen. Egal ob in der Schule, im Büro, auf der Baustelle, in der Uni, beim Kaffekränzchen, in der Bahn oder an der Kasse im Supermarkt: Fußball ist jetzt Gesprächsthema Nummer Eins.

Krampfhaftes Integrationsverhalten

Doch warum ist das eigentlich so? Gerade als Tierrechtler_in oder anderweitig sozial engagierte Person frägt mensch sich doch: Haben die denn nichts Besseres zu tun? Haben die denn sonst keine Probleme? Jeden Tag erleiden Millionen von Tieren einen qualvollen Tod, sei es für Nahrung, Bekleidung oder Forschung. Jeden Tag verhungern Millionen von Menschen oder sterben an unheilbaren Krankheiten. Jeden Tag werden Wälder gerodet. Jeden Tag werden die Ozeane verschmutzt. Jeden Tag schreitet der Klimawandel weiter fort. Jeden Tag bewegen wir uns einen Schritt auf den Weltuntergang zu. Und diese Menschen haben nichts Besseres zu tun, als vor dem Fernseher zu hängen und ein paar Spielern dabei zuzusehen, wie sie übers Feld rennen und eine kleine Kugel durch die Gegend treten?

„Was bist du denn für ein_e Spießer_in?“ oder „Lass den Menschen doch ihren Spaß, sie haben doch sonst nichts im Leben, woran sie sich freuen können“ bekomme ich auf solche Überlegungen oft zu hören. Klar ist es auch wichtig, etwas im Leben zu haben, worüber mensch sich freuen kann. Vielen geht es, wie beim gemeinsamen Feiern oder Public Viewing schwer verkennbar, insbesondere um den sozialen Aspekt: Zeit mit Freund_innen verbringen, zusammen Spaß haben. Doch muss der Anlass hierfür wirklich ein eintöniges Spiel sein? Etwas, wofür mensch sich sonst eigentlich gar nicht interessiert, was jedoch krampfhaft gesucht und daran festgehalten wird, nur, um etwas gefunden zu haben, was mensch gemeinsam mit anderen unternehmen kann und bei dem Menschen gemeinsam Spaß haben können?

Gemeinschaftsgefühl geht besser!

Wo ist der Unterschied, ob ich mich Abends mit anderen treffe, um über das letzte Fußballspiel zu diskutieren, oder ob ich mit anderen bei einem Aktiventreffen zusammenkomme, um mich über neue Aktionen auszutauschen? Wo ist der Unterschied, ob ich mit meinen Freund_innen gemeinsam ins Stadion gehe und lautstark eine Mannschaft anfeuere oder ob ich mich mit meinen Freund_innen vor einem Zirkus oder einem gut besuchten Ort in einer Großstadt einfinde, um lautstark für Tierrechte zu kämpfen? Wo ist der Unterschied, ob ich mit meinen Freund_innen den Erfolg einer Mannschaft feiere, in der Leute mitspielen, die ich noch nicht einmal persönlich kenne, oder ob ich mit meinen Mitstreiter_innen einen Erfolg wie die Befreiung jahrelang eingesperrter Tiere feiere?

Es gibt nicht einen Unterschied. Es gibt zwei. Neben all den anderen positiven Aspekten, die ich in beiden Fällen habe, wie das Gemeinschaftsgefühl, gemeinsam mit anderen eine Menge Spaß zu haben und Erfolge zu feiern, habe ich zudem noch zwei entscheidende Vorteile, wenn ich mich für Tiere einsetze: Erstens tue ich hiermit etwas Gutes, setze mich für andere Lebewesen ein und bewirke bestenfalls, dass es diesen besser geht. Zweitens kann ich mich für Tiere das ganze Jahr über einsetzen, während EM und WM nur abwechselnd alle zwei Jahre stattfinden.

Worauf also noch warten? Würden sich auch nur halb so viele Menschen wie zur Fußball Europa- oder Weltmeisterschaft zusammenfinden und sich so intensiv für Tierrechte einsetzen wie derzeit für ihre Lieblingsmannschaft, könnten wir so viel gemeinsam erreichen! Ich jedenfalls würde mir von vielen Menschen wünschen, dass sie öfter an die hunderte Fußballfelder großen Flächen Regenwald denken würden, die täglich gerodet werden, als an irgendwelche Fußballfelder in Stadien, auf denen ein paar Menschen in bunten Trikots herumlaufen…



Larissa

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Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse deine Spur. (Jean Paul)
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