Was schulden wir uns selbst?

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.“

Schon für Mahatma Gandhi stand fest, dass unser Verhalten direkt auf uns selbst zurückfällt. Unsere Handlungen machen uns zu dem, was wir sind und definieren unsere Persönlichkeit wie nichts anderes. Grausam zu sein passiert dabei viel schneller, als viele denken. Wenn Unrecht passiert, ist es leicht einfach wegzusehen und sich zu denken: „Was habe ich schon damit am Hut?“ Doch nicht erst das vorsätzliche Verursachen von Leid, sondern bereits die Gleichgültigkeit ihm gegenüber kann als Grausamkeit gelten.

Wir verstehen uns selbst als Individuen, die wir bestimmte Verhaltensweisen als würdig oder unwürdig, respektvoll oder eben grausam bezeichnen. Moral und Würde legen dafür einen maßgebenden Rahmen. Sie formulieren Sollenssätze, die etwa lauten, dass Lebewesen nicht wie Gegenstände behandelt werden sollen und, dass auch der Imperativ der Gewinnmaximierung Grenzen haben soll – muss! Daraus ergibt sich, dass sich bestimmte Formen der Tierhaltung und die Tötung verbieten und wir die unausgesprochene Pflicht haben allen mit Achtung und Respekt entgegenzutreten.

Was Immanuel Kant dazu sagt

Wir haben in unserem täglichen Leben allerhand Pflichten zu erfüllen. Die Schulpflicht, die Pflicht Steuern zu zahlen und an der roten Ampel zu warten, die Meldepflicht, die Gurtpflicht und viele mehr. Doch der Mensch trägt nicht nur moralische Verantwortung für Handlungen, mit denen er anderen schaden könnte, sondern auch für Vergehen oder Unterlassungen, mit welchen er sich selbst Schaden zufügt. Durch Tierquälerei schwächt er sich nach Aussage Immanuel Kants selbst in seiner Fähigkeit, moralisch zu handeln. Das Verbot der Tierquälerei wird hier in erster Linien also nicht damit begründet, dass Tieren Unrecht geschieht, was verständlicherweise früh kritisiert wurde. Denn wo bleibt da der Schutz der Tiere um ihrer selbst willen?

Doch bei einer Sache hatte Kant gar nicht so Unrecht: Neben dem Tod des nichtmenschlichen Tieres ist das Schlimmste der emotionale Preis, den Arbeiter in Schlachthöfen und anderweitig Beteiligte zahlen. Seit 2000 gibt es beglaubigte Protokolle über Angestellte, die Stangen als Baseballschläger nutzen, um kleine Truthähne durch die Luft zu schleudern, die erlahmte Schweine mit Metall verprügeln, die auf Küken herumtrampeln, um sie platzen zu sehen und Rinder bei vollem Bewusstsein häuten. Schon Kant war der Ansicht, dass Tierquälerei früher oder später zu einer Verrohung der Menschen führt.

Eisbären gehören in die unendlichen Weiten der Arktis

Wegen unseres Vermögens, uns in die Lage anderer hineinzuversetzen, besitzen wir auch eine ungefähre Vorstellung davon, wie es in den Tieren aussehen muss, die ebenso wie wir verletzlich sind. Schwerer fällt es uns, uns in Tierarten hineinzuversetzen, mit denen wir fast nichts gemein haben. Während Krokodile beispielsweise eine Vorliebe für Steine haben, ist deren Verzehr für uns unvorstellbar. Bei Fischen verhält es sich ähnlich. Die Wasseroberfläche und ihre Schweigsamkeit trennt sie von uns.

Noch vielmehr: die menschliche Wahrnehmung von anderen Tieren wird von einer auffallenden Ambivalenz geprägt, welche auch als Karnismus bezeichnet wird. Die Tiere sind Freund oder Nahrung, Haustier oder Mittagessen. Wir verhätscheln Hund und Katze, aber kaufen günstiges Fleisch von Puten und Lämmern, protestieren gegen Laboraffen, aber erfreuen uns am süßen Eisbärennachwuchs im Zoo und ignorieren dabei beharrlich, dass solche Tiere bei uns nichts zu suchen haben. Sie gehören in die unendlichen Weiten der Arktis und nicht in ein paar Quadratmeter Gehege.

Und dennoch sind wir in der Lage zu erfassen, was für ein Tier Schmerzen und starke Entbehrungen sind. Schulden wir es nicht unserer eigenen Selbstachtung, Tiere zu schützen?

Gleichbehandlung und Gleichberücksichtigung – und warum diese Unterscheidung wichtig ist

In der auf Gegenseitigkeit aufbauenden Moral des Menschen haben Tiere keinen Platz, weil ihnen die Fähigkeit zu ebendieser fehlt: Sie können sich nicht an Gesetze halten, besitzen keine Vernunft in unserem Sinne, keine Moralfähigkeit und können sich nicht durch unsere Sprache ausdrücken. Dies bedeutet jedoch nur, dass einige Normen eben gar nicht auf sie anwendbar sind.

Es ist wichtig, hier zwischen Gleichberücksichtigung und Gleichbehandlung zu unterscheiden. Wenn wir schlecht sehen, hilft uns eine Brille weiter und bei körperlichen Einschränkungen haben wir ein Recht auf einen Rollstuhl oder Krücken, welche gesunden Menschen vorenthalten bleiben. Diese Ungleichbehandlung erklärt sich aus der Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und nicht etwa aus einem schwächeren moralischen Status.

Ist es nicht möglich, Tiere als gleichwertige Lebewesen anzuerkennen, ohne dadurch die Würde des Menschen zu schmälern? Verlangt nicht sogar die Würde des Menschen, dass wir auch die Würde anderer Lebewesen respektieren?

Wo ist die Grenze erreicht?

Einige mögen jetzt sagen, mensch sollte es mit der Sentimentalität nicht übertrieben und Gefühle nicht wichtiger nehmen als die Realität. Doch ist es nicht realistisch wissen zu wollen, wie unsere Nutztiere behandelt werden und sich dafür mit den Tatsachen zu konfrontieren? Dass heutzutage einzelne Tierrassen so hochgezüchtet sind, dass sie nur noch in Quarantäne überlebensfähig sind und Puten gar nicht mehr frei herumlaufen können, da sie aufgrund ihrer fleischigen Brust sofort umkippen würden, sind eben genau diese Tatsachen.

Wo ist die Grenze der Instrumentalisierung erreicht? Wenn wir es schaffen, Hühner so ruhig zu stellen, dass sie keine Zeichen irgendeines Vorhandenseins von Bewusstsein mehr von sich geben, um sie auf Ei-produzierende Maschinen zu degradieren? Wie dramatisch müssen solche Grausamkeiten eigentlich noch werden, bis ein Mensch nicht mehr über sie hinwegsehen kann?

Wenn wir Menschen aber ein pralles Leben auf Kosten des Leids der Tiere führen – welches völlig unverhältnismäßig ist zu den trivialen Vergnügen, die für uns daraus resultieren – hört der Spaß auf. Kein Mensch braucht täglich Fleisch auf seinem Teller, kein Mensch braucht einen Daunenmantel und kein Mensch braucht Elfenbein-Schmuckstücke in seinem Wohnzimmer.



Alina

Alina

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen. (Ernst R. Hauschka)
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