Welche bittere Wahrheit steckt hinter süßem Honig?

In den letzten drei Jahrzehnten ist die Menge der Insekten um ungefähr 76% gesunken – unter den unzähligen Arten, die davon betroffen sind, gehört auch die Biene. Nicht nur die Ökosysteme und die von ihnen beherbergten Tiere leiden darunter, sondern letztendlich auch wir, die Menschen: Wissenschaftler_innen schätzen, dass 84% der europäischen Nutzpflanzen von Tieren wie Bienen bestäubt werden. Fällt diese “Dienstleistung” weg, werden wir mit massiven Nahrungsmittelengpässen zu tun haben. Was sind die Ursachen dafür? Wie schadet die industrielle Honigproduktion den Bienen? Sind etwa Hobbyimkereien die Lösung? Was kann getan werden?

Varroamilbe, monotone Kulturlandschaften & Co. – Ursachen des Massensterbens

Für das Bienensterben gibt es nicht einzelne, leicht zu korrigierende Ursachen. Es besteht ein wechselwirkendes Geflecht von Problemen, die nicht alle leicht bekämpft werden können. Trotzdem haben wir sehr wohl das Potential, Landwirtschaft & Co. besser zu gestalten, sodass wir den Bienen langfristig einen Lebensraum geben können. Der konventionelle Anbau von Lebensmitteln ist lediglich auf die wirtschaftliche Rentabilität ausgelegt; die einseitig bewirtschafteten Flächen dominieren das Land, unzählige Insektizide und Pestizide werden eingesetzt und Hecken oder blühende Grünstreifen gibt es dort selten bis nie. Wird unsere Landwirtschaft zum Positiven hin umstrukturiert, sodass Bienen eine breite Nahrungsvielfalt erleben, könnten wir die Bienen und weitere Insekten beträchtlich unterstützen. Zu den schädigenden Faktoren gehört auch die Varroamilbe, welche inzwischen schon nahezu weltweit verbreitet ist und ganzen Bienenstöcken den Tod bringt. Zudem trägt der Klimawandel seinen Beitrag zum Sterben bei: Veränderte Blütezeiten und verzerrte Jahreszeiten stressen die Tiere und erschweren ihnen die Nahrungssuche.

Die industrielle Honigproduktion – auf die Spitze getriebene Tierausbeutung

Eine idyllische Illusion von friedlich über Wiesen summenden Bienen prägt unser Bild über die Honigproduktion. Der meiste Honig wird jedoch industriell hergestellt, was massive Tierausbeutung und Leid fordert. Regelmäßig werden die Bienenstöcke neu aufgeteilt, wobei zahllose ums Leben kommen. Zudem werden den Königinnen meist die Flügel gestutzt, damit sie und ihr Volk an dem künstlichen Stock des Imkers gebunden sind. Auch beim Betäuben der Tiere durch Rauch und Herausnehmen der Waben, sind sie immens gestresst und nicht selten werden dabei unzählige Tiere zerdrückt. In keiner Weise wird auf die Bedürfnisse des Bienenkollektivs geachtet und zu hohe Mengen des Honigs entnommen. Der Verlust wird durch nährstoffarmes Zuckerwasser ersetzt, welches in keiner Weise dem Bedarf der Tiere entspricht. Der Bedrohung durch die Varroamilbe oder anderen Krankheiten wird mit Chemikalien entgegengewirkt, welche selbst oft schädigenden Einfluss auf die Bienenvölker haben.

Nicht nur für Honig werden die Insekten missbraucht – auch zur Bestäubung von z.B. Mandelplantagen sterben zahllose auf den langen Transportwegen. Einmal zur Bestäubung verwendet, lohnt es sich finanziell oft nicht mehr, sie in den Stöcken zu sammeln, sodass das gewollte, massenhafte Töten durch Insektizide der wirtschaftlich rentablere Weg ist. Der Film “More than Honey” gibt hierzu einen erschreckenden Einblick.

Ist kleinstrukturierte (Hobby-)Imkerei die Lösung?

Der größte Teil des in Deutschland konsumierten Honigs wird im außereuropäischen Ausland gewonnen, wo die Regelungen noch lascher als Hierzulande sind. Der Kauf von Honig fördert also vorrangig die massiv schädliche, industrielle “Produktion”. Auch wenn sie auf den ersten Blick humaner erscheint, ist auch kleinstrukturierte Imkerei kein Weg zum Schutz der Bienen. Bestimmte schädliche Grundprinzipien sind unabhängig vom Industrialisierungsgrad der Imkerei vorhanden: Die Entnahme des Honigs und der Ersatz mit minderwertigem Zuckerwasser (selbst wenn einige Imker_innen darauf achten, nicht den gesamten Honig zu entnehmen), Überzüchtung und daraus folgende Anfälligkeit für Krankheiten, stressige Betäubung durch Rauch, Flügelstutzen sowie der Tod von Bienen beim Einsetzen oder Herausnehmen der Waben. Die Tiere werden zu Zweckmitteln degradiert, die in der Zucht massenhaft und unnatürlich “produziert” werden und stressigen Transporten (oft per Post) ausgesetzt sind. Jede Form der Imkerei, auch die Hobbyimkerei ist profitorientiert – es geht um den Gewinn des Honigs. Was den Bienen wirklich helfen würde wäre, wenn mensch sie um ihrer selbst Willen schützt und ihnen lediglich Unterstützung zum Überleben bietet – denn Honig ist ein mehr als überflüssiges Konsumgut, was wir keinesfalls auf unserem Speiseplan benötigen.

Und was ist mit den Wildbienen?

Alle Bienen, die im Rahmen der Imkerei vermeintlich geschützt werden, sind gezüchtete Honigbienen, welche den solitär lebenden Wildbienen die Nahrungsmittel streitig machen. Nur neun Spezies der weltweit 25.000 Bienenarten sind Honigbienen. Nutz- und Wildpflanzen zu bestäuben, geht also nicht nur auf das Konto der von uns “gehaltenen” Honigbienen. Über die Hälfte der in Deutschland lebenden Wildbienen stehen jedoch auf der roten Liste. Diese zu unterstützen, sollte also unsere vorrangige Priorität sein. Tiere zu schützen, die selbstständig leben können, hat höhere Relevanz, als für den Schutz “domestizierter” Tiere Ausbeutung in Form von Imkerei zu legitimieren. Außerdem tragen, laut Expert_innen, Wildbienen einen höheren Beitrag zur Pflanzenvielfalt bei. Doch Schwärme von Honigbienen nehmen den solitär lebenden Wildbienen, die einen geringeren Bewegungsradius besitzen, die Nahrung weg. Der Hype um Hobbyimkerei trägt also paradoxerweise einen Teil zum Bienensterben bei.

Was könnte also die Lösung der Bienenproblematik sein? Keinen Honig konsumieren, die “Haltung” von Honigbienen nicht als Königsweg glorifizieren und Bemühungen unterstützen, die unsere Landwirtschaft vielfältiger gestalten. Ein ganzheitliches Konzept muss her, um die Bienen sowie die Artenvielfalt von allen Insekten zu bewahren – um ihrer selbst Willen, für uns Menschen und für unseren Planeten.



Laura

Laura

"Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?" (George Bernard Shaw)
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