„Wer kein Fleisch isst, dem fehlen wertvolle Vitamine und Mineralstoffe!“

“Wenn du kein Fleisch isst, fehlen dir doch wertvolle Vitamine und Mineralstoffe”, diesen Satz dürfte wohl fast jede_r Vegetarier_in oder Veganer_in schon einmal gehört haben. Ich bin einer von ihnen. Bereits zu meinem 14. Lebensjahr verzichtete ich auf sämtliche Fleisch- und Fischprodukte. Und ehrlich gesagt kann einen dieser Satz als Jugendlicher ziemlich verunsichern. Klar, ich hatte mich dazu entschieden, weil ich die Grausamkeiten, die sogenannten “Nutztieren” in Schlachthöfen widerfahren, nicht unterstützen möchte. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, durch meine Ernährungsweise kein Nährstoffdefizit oder gar negative gesundheitliche Folgen zu riskieren. Als ich mit 15 oder 16 Jahren den eingangs erwähnten Satz während eines Ferienlagers zum ersten Mal hörte, fehlte mir vor allem eines: das Wissen, um diese Aussage interpretieren zu können. Wie soll ich als Zehntklässler auch detailliert über die einzelnen Nahrungsbestandteile in Lebensmitteln informiert sein? Auf der anderen Seite: Die wenigsten, die obigen Satz mit dem rhetorisch erhobenen Zeigefinger aussprechen, dürften Mediziner_innen oder Ernährungswissenschaftler_innen sein. Woher wissen sie es dann, dass einem wichtige Vitamine fehlen, wenn mensch kein Fleisch isst? Oder weiß das einfach jede_r – außer mir?

Was steckt alles in diesem einen Satz?

Vor zwei Jahren habe ich mein Ernährungswissenschafts- und Sportstudium abgeschlossen. Und ich konnte mir in dieser Zeit ein umfangreiches Fachwissen aneignen. Wenn ich also einen solchen Satz heute höre und wissenschaftlich, das heißt vor allem auch objektiv, beurteilen will, suggeriert dieser drei Hauptaussagen. Erstens: Es gibt wertvolle Vitamine und Mineralstoffe. Zweitens: Fleisch enthält wertvolle Vitamine und Mineralstoffe. Und drittens: Es gibt wertvolle Vitamine und Mineralstoffe, die ausschließlich in Fleisch enthalten sind.

1. Es gibt wertvolle Vitamine und Mineralstoffe

Die erste Kernaussage ist schnell beantwortet. Natürlich gibt es wertvolle Vitamine und Mineralstoffe. Wenn mensch “wertvoll” in diesem Zusammenhang als etwas definiert, das für den menschlichen Organismus lebensnotwendig oder zumindest sehr wichtig ist, von diesem nicht oder nicht ausreichend selbst produziert werden kann und deswegen überwiegend mit der Nahrung aufgenommen werden muss. Dann gibt es 14 solcher Vitamine sowie 13 Mineralstoffe und Spurenelemente. Bei mindestens genauso vielen Spurenelementen ist bis heute nicht abschließend geklärt, ob diese beim Menschen eine wichtige Funktion erfüllen oder nicht. Zu letzteren gehören z.B. Zinn und Chrom.

2. Fleisch enthält wertvolle Vitamine und Mineralstoffe

Womit wir beim zweiten Punkt angelangt wären. Mein Kumpel Tobi ist ein überzeugter Fleischesser. Alle Versuche, ihm die Vorteile einer tierleidfreien Ernährung zu vermitteln, blieben bislang erfolglos. Selbst das leckerste Gemüse wird von ihm allenfalls als dezente Beilage akzeptiert. Also dachte ich mir, ist er der perfekte Ansprechpartner, um zu erfahren, welche Menge Fleisch pro Tag einen Karnivoren auf zwei Beinen glücklich macht. “300 Gramm pro Tag schaffe ich im Durchschnitt auf jeden Fall”, lautete seine Antwort, während er – wir hatten uns mit mehreren Freund_innen zu einem Grillnachmittag verabredet – sein Steak über der Glut wendete. Jemandem wie ich, der seit Jahren fleischlos lebt, blieb da erst einmal das Auberginenstück im Hals stecken. 300 bis 600 Gramm entsprechen auch exakt jenem Wert, den die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als Höchstgrenze für den Verzehr von Fleisch, Wurst und Fisch festgelegt hat – aber pro Woche versteht sich!

Aber okay, nehmen wir diese 300 Gramm Muskelfleisch pro Tag als Referenzwert. Legen wir nun fest, dass eine solch überdurchschnittlich hohe Zufuhrmenge in der Lage sein sollte, mindestens 50 Prozent des erforderlichen Tagesbedarfs einer durchschnittlichen erwachsenen Person zu decken, bezogen auf die einzelnen essenziellen, also zwingend erforderlichen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Fleisch ist allerdings nicht gleich Fleisch. Da die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe bei Fleischwaren je nach Produkt und Zubereitung stark variieren kann, sind wir großzügig und ziehen für jeden einzelnen Nährstoff das Muskelfleischerzeugnis mit dem jeweils höchsten Nährstoffgehalt heran (beispielsweise enthält Rindfleisch etwa dreimal so viel Vitamin A wie Schweinefleisch).

Das Resultat: Mit einem äußerst hohen Konsum von 300 Gramm Muskelfleisch mit der jeweils besten Nährstoffzusammensetzung kann der Tagesbedarf von 15 der insgesamt 27 essentiellen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zu mindestens 50 Prozent gedeckt werden. Dies setzt allerdings, wie bereits beschrieben, eine perfekte Kombination der einzelnen Fleischerzeugnisse im genau richtigen Verhältnis voraus. Inwieweit das im Alltag erreicht wird, ist fraglich.

3. Es gibt wertvolle Vitamine und Mineralstoffe, die ausschließlich in Fleisch enthalten sind

Bleibt noch der letzte Punkt. Schauen wir uns dazu einmal die 15 Nährstoffe an, die bei sehr hohem Fleischkonsum zu einem wesentlichen Teil gedeckt werden. Dies sind die Vitamine K, Thiamin, Riboflavin, Niacin, B6, Pantothensäure und B12. Darüber hinaus die Mineralstoffe und Spurenelemente Natrium, Kalium, Phosphor, Eisen, Zink, Kupfer, Selen und Molybdän.

Nehmen wir nun exemplarisch einzelne pflanzliche Lebensmittel und schauen, wie diese sich gegen den Konkurrenten 300 Gramm Fleisch in der bestmöglichen Zusammensetzung schlagen. Deutlich weniger als 10 Gramm Grünkohl decken schon mal den Tagesbedarf an Vitamin K. Der Thiaminbedarf ist mit einer Portion Reis bereits fast erreicht. Roggenkeime enthalten viel Riboflavin, in Erdnusskernen steckt jede Menge Niacin sowie Panthothensäure. Und der Tagesbedarf von Vitamin B6 ist schon mit einer Portion Cornflakes gedeckt. Bleibt letztendlich nur Vitamin B12, das bei veganer Ernährung supplementiert werden muss, da es in pflanzlichen Lebensmitteln leider kaum mehr vorkommt. Mehr dazu hier.

Und wie sieht es bei den Mineralstoffen und Spurenelementen aus? Natrium und Phosphor stecken in sämtlichen Backwaren, Kalium in Obst und Gemüse, Eisen, Zink, Kupfer und Molybdän in Hülsenfrüchten, wie zum Beispiel Bohnen, und Selen ist in riesigen Mengen in der Kokosnuss gespeichert.

Sind wir denn nun Raubtiere?

Ein_e überzeugte_r Fleischesser_in wird sich auf den ersten Blick vermutlich bestätigt fühlen, dass 300 Gramm Muskelfleisch imstande sind, einen Großteil des Tagesbedarfs von 15 der 27 essentiellen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zu decken. Zumindest theoretisch, unter der Annahme einer perfekten Kombination mehrerer “Nutztier”arten und Zubereitungsformen. Ein_e Veganer_in hingegen muss das lebensnotwendige Vitamin B12 als Nahrungsergänzung zuführen. Sind wir also doch Raubtiere? Viele Fleischfans stellen mitunter nur zu gerne menschliche Parallelen mit anderen Raubtieren her. Ob Löwe, Wolf oder Mensch, all diese Tiere hätten ja immer schon Fleisch gegessen und daher brauchen wir Fleisch!

Vielleicht hat es aber auch einen Grund, weshalb ein Wolf ein Purinase-Enzym besitzt, welches die bei der Fleischverdauung anfallende gesundheitsgefährdende Harnsäure spaltet, der Mensch aber nicht. Oder weshalb ein Löwe das in tierischen Nahrungsmitteln nicht ausreichend vorkommende Vitamin C selbst produzieren kann. Der Mensch ist dazu nicht in der Lage. Das verbindet ihn wiederum mit Meerschweinchen, die nicht gerade als fleischfressende Raubtiere bekannt sind. Ein Löwe kommt mit dem ausschließlichen Verzehr von Beutetieren bekanntermaßen gut zurecht. Bei einem Menschen würde ein reiner Fleischkonsum nach spätestens zwei bis vier Monaten zu Zahnausfall, Muskelschwund, inneren Blutungen und schließlich zum Tod führen. Diese durch Vitamin C-Mangel bedingte Erkrankung wird als Skorbut bezeichnet. Ein Cobalamin-Mangel bei völligem Verzicht auf Vitamin B12 manifestiert sich dagegen erst nach etwa fünf Jahren. Sind wir vielleicht doch nicht die prädestinierten Raubtiere und Fleischesser_innen, für die wir uns jahrtausendelang gehalten haben?

Fazit

Fleisch oder auch Fisch halten kein Patentrecht auf spezielle Nährstoffe. Es gibt also kein einziges in Fleischprodukten enthaltenes Vitamin und auch keine Mineralstoffe und Spurenelemente, die nicht auch in anderen Lebensmitteln reichlich vorhanden sind. Bei einer ausgewogenen tierleidfreien Ernährung kann der erforderliche Nährstoffbedarf von allen 27 essentiellen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen völlig problemlos erreicht werden – und zwar in jedem Alter, vom Säugling bis zum älteren Menschen! Einzig Vitamin B12 muss separat zugeführt werden. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass ein Vitamin B12-Mangel auch bei veganer Ernährung selten ist. Bei Schwangeren, Stillenden, Säuglingen und Kleinkindern ist es jedoch sehr wichtig, den Vitamin B12-Spiegel im Blut zu überprüfen.

Quellen: 1.) Biesalski H.K., Grimm P. & Nowitzki-Grimm S. (2015). Taschenatlas Ernährung. Stuttgart: Thieme Medizin Verlag. 2.) Ernährungssoftware “Prodi” auf Grundlage des Bundeslebensmittelschlüssels.


Jedes Jahr werden über 60 Milliarden sogenannter „Nutz“tiere getötet, um sie zu verzehren. Hinzu kommen Milliarden Fische und andere Meeresbewohner_innen. Die meisten dieser Tiere finden einen grausamen Tod nach einer kurzen und meist qualvollen Existenz – denn ein Leben ist es nicht. Dabei steht längst fest, dass der Konsum tierischer Produkte Tier, Mensch und Natur schadet. Knapp 100 Tiere rettet jährlich, wer sich für eine vegane Ernährung entscheidet. Jede_r hat die Wahl – jeden Tag am Supermarktregal! Probiert rein pflanzliche (vegane) Lebensmittel – für Tier, Mensch, Natur und euch! Informiert euch & andere!



Benjamin

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Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. (Albert Schweitzer)
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