Wir sind einander – Pro-Intersektionalismus

Neulich auf einem veganen Fest in England gab es neben 160 Informations-, Verkaufs- und Essensständen auch eine Vielzahl an Aktivenworkshops. Besonders beindruckend war der ehemalige Sprecher der ALF und Mitbegründer des „Vegan Information Project“, Dr. Roger Yates, der einen Vortrag über Pro-Intersektionalismus hielt. Ein langes Wort, aber eine gute und wichtige Sache, der ich hier mal etwas auf die Spur gehen möchte.

“We are each other”

Gehen wir von der Tatsache aus, dass auch Menschen Tiere sind, dann sollte jede_r erkennen können, dass beispielsweise:

  • eine Menschenrechtsorganisation sich für gefangene und hinter Gittern gehaltene Tiere einsetzt
  • Gewerkschaften sich für bessere Arbeitsbedingungen von Tieren einsetzten
  • die Dame, mit der ich kürzlich am Infostand sprach und die eine Depressionsselbsthilfegruppe leitet, sich um krank gewordene Tiere kümmert

Eine zentrale Idee hinter Pro-Intersektionalismus ist „we are each other“ („wir sind einander“). Diese vegane Graswurzelbewegung versucht, alle sozialen Bewegungen zwecks einer „kompletten Befreiung“ zusammen bringen. Hierfür haben die Gründer_innen dieser Bewegung interessante Prinzipien definiert, welche ich im Folgenden übersetzt auflisten will.

Die 6 Prinzipien des Pro-Intersektionalismus

#1 Sei konsistent

Hinterfrage alle Hierarchien, und nicht nur die, die für dich risikofrei und bequem zu hinterfragen sind. Wenn du gegen Gewalt bist, treffe jede Entscheidung so gewaltfrei wie möglich. Kämpfe nicht für die Befreiung von jemandem auf eine Art, die jemand anderen verletzt. Ohne komplette Befreiung aller, kann es keine Befreiung einzelner geben.

#2 Sei ein_e respektvolle_r Verbündete_r

Sprich nicht für andere Gruppen. Schaffe einen Raum, so dass sie selber reden und gehört werden können. Wisse nicht immer alles am besten und lerne zuzuhören. Habe Mitgefühl für den Kampf deiner Mitstreiter_innen. Zeige Solidarität mit allen, die unterdrückt werden.

#3 Sei solidarisch in deinen täglichen Entscheidungen

Lasse keine Gewalttat oder -sprache ohne Widerspruch geschehen.

#4 Sei ein_e kritische_r Beobachter_in deiner Privilegien

Bist du weiß, männlich, heterosexuell, finanziell sicher oder ein Mensch, dann bedenke die Privilegien, die du aufgrund dieser zufälligen Eigenschaften in einer hierarchischen Gesellschaft genießt. Denke an die Gewalt und Ausbeutung, die du aufgrund deiner Privilegien nicht erfahren musst oder vor welchen du keine Angst haben musst.

#5 Sei dir aller Formen von Gewalt bewusst

Wir alle tragen einen Teil zu dem ausbeutenden System, in dem wir existieren, bei. Jeglicher Konsum von Massenwaren, tierischen Produkten, Billigprodukten, Gütern aus Ausbeutungsbetrieben oder aus Kinderarbeit ist immer Gewalt. Sexistische Witze sind Gewalt. Diskriminierende und rassistische Haltungen sind Gewalt. Sei dir der Gewalt der Sprache, die du nutzt, der Produkte die du kaufst, deiner Annahmen über andere und deiner Beziehungen zu ihnen bewusst.

#6 Sei dir bewusst, dass Gerechtigkeit keine Grenzen hat

Gerechtigkeit hört nicht mit einer Spende, einer Petitionsunterschrift oder der Teilnahme an einer Aktion auf und beginnt nicht einmal damit. Gerechtigkeit beginnt bei dir zuhause und auf der Straße, in deiner Stadt wie auch in fernen Kriegsgebieten. Die volle Vision des Veganismus ist grenzenlos und fängt bei dir an.

Einzelfokus vs. Polyperspektive?

Es wird für den Erfolg aller Aktiven in Tierrechts- und Tierschutzbewegungen in Zukunft sehr entscheidend sein, ob mit dem Reduzieren auf Einzelthemen, wie Massentierhaltung, Jagd oder Tierversuchen, wirklich eine breite Mehrheit und nachhaltige Veränderungen erreicht werden können oder ob sich durch die Zusammenarbeit der einzelnen sozialen und emanzipatorischen Bewegungen unsere Ziele nicht effektiver erreichen lassen.



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